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Nachlese Tagespolitische Debatte: Nirgends so schön wie zuhause? Liebe, Familie und ihre Krise

Bei der Tagespolitischen Debatte diskutieren wir über die politischen Fragen, die gerade alle beschäftigen. Wir fragen uns, warum passiert, was passiert? Wie können wir uns die aktuelle politische Entwicklung erklären?

Am 25. November fand der internationale Tag gegen Gewalt an Frauen statt. Die meisten Menschen denken bei Gewalt an Frauen an dunkle Gassen und nicht an ihr Zuhause. Doch 9 von 10 Gewalttaten gegen Frauen werden in der Familie oder im nahen Umfeld begangen. Gewalt gegen Frauen ist in Österreich also hausgemacht. Familie und Beziehung sind jedoch so stark mit positiven Idealen aufgeladen, dass dem auch Fakten nichts anhaben können.  

Während wir uns im letzten Jahr zum Tag gegen Gewalt an Frauen mit vorherrschenden Männlichkeitsbildern befasst haben, die letztendlich zu Gewalt gegen Frauen führen, haben wir diesen Jahr den Fokus auf die Stellung von Familie und Beziehung im Kapitalismus gelegt.

In unserer Gesellschaft ist die sogenannte bürgerliche Kleinfamilie als Norm festgesetzt, also zwei Generationen – ein Paar mit Kind(ern). Ein Blick in die Statistiken verrät uns jedoch, dass Abweichungen von dieser Norm alles andere als eine Ausnahme sind. In jeder fünften Familie (21,6%) mit Kindern gibt es nur einen Elternteil, die aktuelle Scheidungsrate in Österreich liegt bei 41% und in fast einem Drittel aller Familien gibt es kein Ehepaar. Unsere Vorstellung von Familie hat also weniger mit der Realität, als mit einem Ideal zu tun. 

Die bürgerliche Kernfamilie gab es so wie heute nicht immer. Im 18. und 19. Jahrhundert veränderte sich mit der industriellen Revolution die Gesellschaft radikal. Und mit ihr, was Zuhause und Familie bedeutet. Davor gab es keine Fabriken und das Zuhause war meist auch der Arbeitsort. In der Industrialisierung waren zwei neue Sphären im großen Maßstab geschaffen: In der einen, Öffentlichkeit, fanden nun Lohnarbeit, Politik, Handel, Kultur, kurz “gesellschaftliches Leben” statt. Die andere, die Privatsphäre, stand synonym für die Familie. Hier erholte man sich und zog sich zurück. Entlang dieser Trennlinie entwickelte sich auch die Rollenaufteilung zwischen Mann und Frau. Da die harte Rationalität des Wirtschaftslebens nun draußen lag, wurde die Familie zum Ort der Emotionalität und der Liebe für die vor allem die Frau zuständig war. Die romantische Liebe als bestimmendes Motiv zur Familiengründung und Eheschließung hat sich erst in dieser Zeit als Ideal durchgesetzt. Das goldene Zeitalter dieses Ideals waren die 50er-70er Jahre, danach zeichnet sich ein deutlicher Rückgang in Eheschließungen ab. 

Das traditionelle Bild der Familie wurde immer brüchiger, dennoch bekommen familiäre Strukturen und die romantische Zweierbeziehung  aktuell eine neue Wichtigkeit. 

Die zunehmende Prekarisierung der Arbeitswelt führt individuell zu großen Verunsicherungen. Häufige Jobwechsel und Neuorientierungen sind notwendig um in der Gesellschaft zu bestehen. Dies führte daher dazu,  dass die Ansprüche an Beziehung und Familie steigen in der Form, dass diese immer mehr Unsicherheiten abfangen und ausbalancieren sollen. 

Im generellen versucht das Ideal der romantischen Liebe Risse im Sozialen Zusammenleben des Kapitalismus zu kitten. Der Kapitalismus organisiert die Abhängigkeit von Menschen zueinander in spezieller Form und zwar nicht in Form eines Miteinanders, sondern in Form einer individuellen Autonomie. Diese ist rational, kühl und distanziert. 

Aus der kapitalistischen Öffentlichkeit ziehen wir daher oft wenig Befriedigung auf einer emotionalen, menschlichen, gefühls-basierten Ebene. Diese Bedürfnisse werden daher häufig auf Familie und die romantische Liebe ausgelagert.  

Die Erwartungen, die an die Liebe gestellt werden, kann sie jedoch nicht erfüllen. Sie kann es mit den gesellschaftlichen Verhältnissen, einer brutalen und auf Konkurrenz aufgebauten Wirtschaftsordnung, die nicht darauf ausgerichtet ist auf das Wohl aller Menschen achten, nicht aufnehmen. Die strukturelle Stellung und Situation der Familie und Liebe trägt zu ihrer ständigen Überforderung bei und führt dazu, dass sie häufig so tragisch verläuft. Die Liebesbeziehung beansprucht für sich stets harmonisch zu sein, sie basiert auf Verständnis füreinander. Sie hat keine andere Berechtigung als die Harmonie in der Zweisamkeit, daher entsteht oft ein Harmonie-Druck und Konflikte können in diesem Raum daher oft auch nicht angemessen angesprochen werden. 

Dennoch werden alle Probleme auf diese kleine Ebene projiziert. Daher ist die partnerschaftliche Beziehung auch häufig der Raum in dem es zu Gewaltausbrüchen kommt. 

Die romantische Liebe, wie wir sie heute erleben, ist eine Erscheinung  des Kapitalismus, sie hat sich mit der Industrialisierung durchgesetzt und das Ideal der bürgerlichen, privaten und zurückgezogenen Kernfamilie geschaffen. Diese Art des Zusammenlebens wird daher wohl auch aufhören zu existieren, wenn die Notwendigkeit dafür wegfällt.