WIR SIND DIE ZUKUNFT!

Politischer Leitantrag zum 5. Landeskongress von Junge Linke Wien am 19.02.2021

Antragssteller*innen: Tabea Freiler, Julia Prassl, Max Veulliet, Amir Sturm, Livia Schubert

beschlossen mit einer Änderung am 19.02.2022

Fast zwei Jahre Corona-Pandemie zeigen uns deutlicher denn je, dass ohne eine starke Linke gesellschaftliche Krisen den Reichen nützen. Während der Großteil der Bevölkerung entweder in Kurzarbeit geschickt wurde, den Arbeitsplatz  verloren hat oder diejenigen in Gesundheitsberufen bis zur völligen Erschöpfung arbeiten mussten, verdienen einige wenige Millionen mit der Ausbeutung fremder Arbeitskraft, Spekulation mit Wohnraum oder Patenten auf Medikamente.

Das spüren wir auch in Wien. In unserer Stadt wird Stadtentwicklung den Investor:innen überlassen. Für bezahlbare Wohnungen und lebenswerte, öffentlich angebundene neue Stadtteile übernimmt die Stadtregierung kaum Verantwortung. Kein Wunder also, dass die Menschen das Vertrauen in die Politik verlieren. Rund ein Drittel der Wahlberechtigten blieb bei den letzten Wahlen 2020 zu Hause – in manchen Bezirken sogar die Hälfte. Mehr als ein Drittel aller Wiener:innen hat keine österreichische Staatsbürgerschaft und ist deshalb sogar vom Wahlrecht ausgeschlossen. Zu allem Überfluss müssen sich jene, die politisch kein Mitspracherecht haben, auch noch mit schikanösen Behörden herumschlagen. Statt dieses Problem endlich anzugehen, verschließt die Stadtregierung ihre Augen und hat höchstens kosmetische Veränderungen anzubieten.

Kinder und Jugendliche sind die großen Verlierer:innen von zwei Jahren Pandemie. 82% aller jungen Menschen finden einer Umfrage zufolge, dass an ihre Bedürfnisse zu wenig gedacht wird. Der große Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit, die hohe Gefährdung durch psychische Krankheiten sowie der wieder steigende Einfluss von sozialer Herkunft auf den Schulerfolg sind nur einige wenige der großen Probleme, bei denen die Regierungsparteien während der Pandemie versagen. 67.000 Kinder und Jugendliche bekamen heuer in Wien private Nachhilfe – viele Familien können sich das aber nicht leisten. Auch im sozialdemokratischen Wien spaltet uns ein kaputtes Schulsystem in arm und reich.

Es geht anders

Als junge Menschen stehen wir in Wien vor zahlreichen Herausforderungen und können wenig mitgestalten. Viele sehen keine Möglichkeit, selbst etwas dagegen zu unternehmen. Versucht es doch mal jemand, holt sich die SPÖ die Hilfe der Polizei, um den Protest niederzureißen. Das sorgt dafür, dass viele viele unserer Generation von der Politik nichts mehr erwarten. Nach Jahrzehnten des neoliberalen Umbaus unserer Gesellschaft ist Eigenverantwortung und Selbstverwirklichung wichtiger denn je und vor allem: wichtiger als Solidarität. Umfragen zeigen, dass Politik der bedeutungsloseste Lebensbereich für Jugendliche ist. Sogar Religion ist für sie wichtiger.

Das ändern wir jetzt. Junge Linke Wien werden zu dem Ort für junge Wiener:innen, sich einzubringen und ihr Leben selbst zu gestalten.
Der Bundeskongress von Junge Linke hat Anfang Jänner die Weichen für unseren Verband neu gestellt. Als Jugendverband sehen wir uns als Teil der kommunistischen Bewegung, deren Partei die KPÖ ist. Ebenso wie die KPÖ auf Bundesebene hat sich die KPÖ Wien 2021 neu aufgestellt. Auch dort sind jetzt mehr junge Menschen am Ruder, was sich unter anderem in der Öffentlichkeitsarbeit und auch in der angelaufenen SOS Miete-Kampagne zeigt. Unsere Zusammenarbeit wird in Zukunft weiterhin auf bewährte Ideen setzen, wie zum Beispiel das 1. Mai-Fest in Favoriten oder auch eine große Präsenz am Volksstimmefest.
Diese Entwicklung erlaubt uns, unsere Kraft weg von Anstrengungen des Parteiaufbaus hin zu der zentralen Aufgabe von Jugendorganisationen zu legen: nämlich unserer Generation zu zeigen, dass wir stark sind, wenn wir viele sind. Dass die Welt nicht so bleiben muss, wie sie ist. Dass sich persönlicher Einsatz dafür lohnt – und dass politische Arbeit nicht aus ewigen Debatten in stickigen Zimmern bestehen muss.

Denn für viele junge Menschen ist Politik langweilig und uninteressant. Um das zu ändern, brauchen wir noch mehr als spannende Events und Aktionstage. Wir bauen 2022 daher unser soziales, kulturelles und sportliches Angebot weiter aus und schaffen damit eine niederschwellige Möglichkeit, Junge Linke und damit coole, politisch aktive junge Menschen kennenzulernen. Damit zeigen wir, dass es auch anders geht – dass Politik nicht langweilig sein muss und wir gemeinsam die Zukunft gestalten können. Das nennen wir Politisierungsarbeit und sie wird neben Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit die dritte tragende Säule unserer politischen Arbeit sein.

Nach dem verflixten dritten Jahr

Seit dreieinhalb Jahren gibt es uns in dieser Stadt. Wir haben viel erreicht: bald 200 junge Menschen sind bei Junge Linke Wien organisiert. Über tausend Veranstaltungen haben seit unserer Gründung stattgefunden.

Doch 2021 war kein einfaches Jahr. Immerhin  befand sich die Gesellschaft die Hälfte des Jahres im Lockdown. Dass wir dennoch wachsen konnten, viele unserer Ziele erreicht haben und mit der SOKO Miete (Schwerpunkt Wohnen) unsere erste große, eigenständige Kampagne organisieren konnten, zeigt die Dynamik unseres Verbandes und die Notwendigkeit unserer politischen Arbeit. Wir konnten im großartigen Graz-Wahlkampf, bei der Summer School, im Online-Programm 2021, mit unserem ersten Lernnetz-Zentrum (Schwerpunkt Schule), der Zusammenarbeit mit Asyl in Not (Schwerpunkt Antirassismus) und in hunderten Bezirksveranstaltungen viel dazulernen.

Für unsere politische Arbeit im kommenden Jahr nehmen wir uns folgendes vor:

  • Wir wollen jünger und aktiver werden. Das heißt auch, dass wir viel mehr unter Schüler:innen, Lehrlingen und Berufsschüler:innen verankert sein müssen.
  • Wir wollen ein klares Profil entwickeln. Das heißt auch, dass wir in unserer Bildungsarbeit mehr darauf eingehen und diskutieren müssen, was es heißt, Teil der kommunistischen Bewegung zu sein. Dabei rücken wir “Klasse” als zentralen Begriff unserer politischen Analyse in den Mittelpunkt.
  • Wir wollen mit unserer Politisierungsarbeit noch viel mehr Leute von der Notwendigkeit überzeugen, aktiv zu werden. Das heißt auch, dass wir noch mehr auf unsere Organisationsstandards achten müssen, um Menschen mit den verschiedensten Hintergründen zu ermöglichen, bei uns mitzumachen.

Wir in Wien

Um mit unserer Politisierungsarbeit erfolgreich zu sein, müssen wir auch wissen, wen wir ansprechen wollen. In Wien leben 235.000 Menschen zwischen 14 und 24 Jahren – das ist unsere zentrale Zielgruppe als Junge Linke. Von ihnen kennt uns im Moment bloß ein Bruchteil und nur 0,4‰ sind Mitglied bei uns. 90.000 von ihnen sind Schüler:innen, von denen je ein Drittel Gymnasien, ein Drittel berufsbildende höhere Schulen und ein Drittel Berufsschulen besucht. 

Die bei Junge Linke Wien im Moment noch am stärksten vertretene Gruppe sind mit einem Anteil von 80% Studierende – von ihnen gibt es in Wien fast 200.000. Gleichzeitig muss der Großteil von uns arbeiten, um über die Runden zu kommen – zwei Drittel unserer Mitglieder gehen einer Erwerbsarbeit nach. Auch wenn die meisten im Verband studieren, kommen viele von uns aus Arbeiter:innenhaushalten, sind bei Alleinerzieherinnen aufgewachsen oder stehen vor dem Dilemma, den Status ihrer Eltern nicht aufrecht erhalten zu können.

Wenn wir deutlich mehr der jungen Menschen in Wien ansprechen wollen, muss unser Angebot an sozialen, kulturellen und sportlichen Aktivitäten soziales Miteinander fördern, niederschwellig und nicht spießig sein. Es muss Mainstream genug sein, um junge Menschen abseits von diversen Subkulturen anzusprechen, darf aber auch nicht Beliebigkeit ausstrahlen und den Anschein eines unpolitischen Vereins erwecken. Unsere Aktivitäten müssen auch nah genug an unserer eigenen Lebensrealität sein, um glaubwürdig zu bleiben. Schließlich ist es notwendig, dass wir bei allem mitbedenken, was das politische Argument ist, der Interessierte dann auch dazu bewegt, mehr über Junge Linke zu erfahren und zu einem Diskussionsabend oder Politcafé zu kommen. Das ist neben der Verfügbarkeit von Räumen für unsere Aktivitäten der wichtigste Eckpfeiler für einen Erfolg in diesem Bereich.

Wir sind die Tat

Gleichzeitig werden wir 2022 unsere politischen Projekte der letzten Jahre evaluieren, etablieren und ausbauen. Unser Credo muss lauten: aktiv werden! Keiner hat mehr Bock auf Zoom-Calls und co. Deshalb wollen wir einen starken Fokus auf Öffentlichkeitsarbeit und unsere Straßenpräsenz legen. Neben dem bereits 2021 geplanten Demopaket setzen wir vermehrt auf Infostände und Straßenaktionen. Eine Tour durch Wien wird uns im Frühling in alle 23 Bezirke führen, dort Junge Linke vor Schulen und an zentralen Plätzen bekannter machen und die Basis für neue Bezirksgruppen legen. Wir wollen dabei auch von möglichst vielen Gleichaltrigen hören, was ihr Blick auf die Dinge in der Stadt ist.

Auch inhaltlich und organisatorisch probieren wir weiter neue Dinge aus und führen gut funktionierende Sachen fort. Um noch mehr Mitgliedern die Fähigkeiten und das Selbstvertrauen für Projekte bei Junge Linke zu geben, geht der erfolgreich angelaufene Projektlehrgang How To Junge Linke in die zweite Runde. Die Projekte zu ersten Runde werden ab März stattfinden. Der Schwerpunkt Schule wird noch im Frühjahr ein Lernnetz-Café in Meidling eröffnen, um wienweit naheliegende Anlaufstellen zu haben. Mit dem Lernnetz-Zentrum in Stadlau wurden bereits erste Erfahrungen gesammelt. Es soll nun noch cooler und ansprechender werden. Der neue Schwerpunkt Stoppt Gewalt wird Handlungsoptionen aufzeigen, häuslicher Gewalt etwas entgegenzusetzen und dabei auch einen Multiplikator:innen-Lehrgang mit der Organisation StoP – Stadtteile ohne Partnergewalt beinhalten. Wir planen außerdem, im Schwerpunkt Antirassismus den Rechtsberatungslehrgang mit Asyl in Not im Herbst ein zweites Mal zu starten.

All das hilft uns dabei, als Jugendorganisation unseren Teil dazu beizutragen, die Linke in Wien stark zu machen. Wir sind viele und wir können viel verändern. Wir holen unsere Generation aus der politischen Ohnmacht. Wir bestimmen mit, wie sich die Stadt entwickelt. Machen wir jetzt die Zukunft zu unserer Zeit.