Wohnst du noch oder lebst du schon?

Antrag des Schwerpunkt Schule zu strategischen Perspektiven zum Thema Schule

Antragssteller*innen: Julia Prassl, Fiona de Fontana, Amir Sturm, Max Veulliet, Serafin Fellinger, Maximilian Melchior

Beschlossen am 4. Landeskongress am 29. Mai 2021.

Der Schwerpunkt Schule hat sich im letzten halben Jahr intensiv mit den Themen Bildung und linken Perspektiven darauf beschäftigt. Ausgehend von den Überlegungen des Lernnetz, aber auch in Hinblick auf unsere eigenen Erfahrungen, die Geschichte der Schule in Österreich und aktuellen Tendenzen in der Schulentwicklung haben wir unser Wissen vertieft und Handlungsmöglichkeiten diskutiert. Aufgrund der Corona-Pandemie war die Eröffnung der geplanten Lernnetz-Zentren noch nicht möglich. In diesem Antrag soll argumentiert werden, warum wir dennoch an dem Plan festhalten. 

Schon vor Corona war das Einkommen der Eltern oft ausschlaggebend für den schulischen Erfolg der Kinder. In Österreich wird bekanntlich der Bildungsgrad vererbt. Die Corona-Pandemie hat die soziale Ungleichheit massiv zugespitzt – das bekommen auch Schülerinnen und Schüler zu spüren. Wir wollen einerseits einen Beitrag leisten, dass wir gemeinsam gut durch die Corona-Krise kommen und andererseits über Projekte der Nützlichkeit mehr Menschen für die gemeinsamen Anliegen organisieren. 

 

Der Klassencharakter unseres Schulsystems

Die Schule prägt uns alle, wir alle haben sie besucht oder besuchen sie noch. Mit Gleichaltrigen gemeinsam zu Lernen könnte die tollste Sache sein. Trotzdem überwiegen bei den allermeisten die negativen Gefühle gegenüber der Schule. Das Lernen wird von vielen als Quälerei empfunden und auch objektiv ist die Schule nicht darauf ausgelegt, dass alle im Unterricht mitkommen: einerseits sollen gar nicht alle Kinder Akademiker:innen werden, andererseits verlässt sich das Schulsystem darauf, dass privat kompensiert wird, was im Unterricht selbst nicht bewerkstelligt wird. Ein Drittel aller österreichischen Schüler:innen benötigt Nachhilfe, ein Fünftel von ihnen müsste dafür bezahlen. Einerseits eine enorme finanzielle Belastung für Familien, andererseits steht dem ein enormer Profit für die österreichische Nachhilfeindustrie gegenüber. 101 Millionen Euro mussten Familien 2019 für Nachhilfe ausgeben. Es ist umso bemerkenswerter, von wem dieses Geld kommt: Es zahlen vermehrt diejenigen Familien für Nachhilfe, die weniger Geld haben. Während bei Kindern aus Haushalten mit niedrigen Einkommen fast jedem:jeder dritten empfohlen wird, Nachhilfe zu nehmen, ist das bei Kindern aus Haushalten mit höheren Einkommen nur halb so oft der Fall. Auch Kindern von Alleinerzieher:innen oder aus Familien mit Migrationshintergrund wurde viel öfter empfohlen, Nachhilfe zu nehmen. 40.000 Kinder in Österreich, die 2019 Nachhilfe  benötigt hätten, konnten sie sich aber gar nicht leisten. 

Woher kommt das? Von dem, was in der Schule aktuell abgeprüft wird, bekommen Kinder aus Akademiker:innenhaushalten vor und während der Schulzeit automatisch durch das Umfeld, in dem sie aufwachsen, mehr mit. Wer Deutsch als Muttersprache spricht, hat auch einen Vorteil gegenüber jenen, die zwar viele andere Sprachen sprechen, aber eben nicht die, die das österreichische Schulsystem verlangt. Und dann kommt eben noch die teure Nachhilfe dazu. Wer sie sich leisten kann, hat Vorteile in diesem Schulsystem. Schulischer Erfolg wird nicht nur ins Private verlagert, sondern ist eine Klassenfrage. Das Schulsystem verschärft aktuell Schieflagen, anstatt sie auszugleichen. Das hängt auch damit zusammen, welche Anforderungen es im Kapitalismus an das Bildungssystem gibt und welche nicht. 

 

Lernen für’s Leben – im Kapitalismus

Sitzt man im Mathe-Unterricht vor einer Differenzialgleichung, kann einem schon einmal die klassischste aller Schüler:innenfragen auf der Zunge liegen: „Wozu lernen wir das?“. Antwortet die Lehrerin dann: „Für’s Leben!“, hat sie eigentlich nicht ganz unrecht – denn man lernt für’s Leben im Kapitalismus.

Der Hauptzweck der Schule ist nämlich recht einfach: Erziehung zur Nützlichkeit in der Gesellschaft. Während Bildung lange Zeit einigen Wenigen – im Feudalismus etwa Klerus und Adel – vorbehalten war, ist heutzutage die allgemeine Schulpflicht verwirklicht und jedem Kind soll Bildung zukommen. Gerne wird uns erzählt, dass jeder und jedem eine Bildungskarriere offen stünde. Formal ist es auch tatsächlich nicht mehr beschränkt, wer welche Schule oder Universität besuchen darf. Real aber schon. Kinder von Akademiker:innen werden viel öfter gut bezahlte Akademiker:innen als Arbeiter:innenkinder.

Zusätzlich gibt die Schulpflicht dem Staat die Kontrolle darüber, wer und wie viele nur das Mindestmaß an Bildung bekommen und wer es bis zur Uni schaffen darf. Lehrplan und Schulorganisation sind immer stärker so ausgerichtet, dass sie den Anforderungen des Arbeitsmarktes entsprechen. Die Schüler:innen bekommen das dann als Leistungsdruck und Konkurrenzzwang zu spüren. Selbst fortschrittliche Bildungsansätze werden so vereinnahmt: Mit Schulversuchen, die sich Emanzipation und selbstbestimmtes Lernen auf die Fahne schreiben, werden letztlich auch die Wünsche der Wirtschaft befriedigt. Denn in der neoliberalen Ellbogengesellschaft von heute sind flexible Arbeitskräfte gefragt, die sich selbst managen und sich individualistisch gegen die Konkurrenz durchsetzen können: Wer schon in der Volksschule selbstständig Wochenpläne absolviert hat und im Gymnasium dann kompetenzorientiert lernt, ist bestens ausgestattet für einen neoliberalen Arbeitsmarkt, der uns flexibel und selbstdiszipliniert möchte.

Das Bildungssystem im Kapitalismus stellt also gar nicht den Anspruch, dass alle zwölf Jahre lang zur Schule und danach weiter auf die Universität gehen. Der Arbeitsmarkt braucht genauso billige Hilfskräfte, ausgebildete Fachkräfte und nur wenige Akademiker:innen. Dafür sorgt das Schulsystem, in dem viele am Weg aussortiert werden – je nach gesellschaftlicher Position, die sie einnehmen sollen. Das ist unfair und liegt im System begründet. 

 

Konkrete Handlungsansätze

Emanzipatorische Bildung kann es nur in einer wirklich emanzipierten Gesellschaft geben. Im Kapitalismus ist nun mal die einzige Möglichkeit zu existieren, sich mit dem Großteil seiner eigenen Zeit am Arbeitsmarkt zu verdingen. Voraussetzung dafür ist der Schulbesuch und für viele eben die Inanspruchnahme von Nachhilfe. Der Blick hinter die Schulfassaden ist wichtig für eine antikapitalistische Linke, aber bietet kaum Handlungsoptionen. Um die Gesellschaft und mit ihr das Bildungssystem einmal grundlegend zu verändern, müssen wir im hier und jetzt ansetzen und uns aktiv Handlungsoptionen schaffen. Was wir als Junge Linke können, ist gemeinsam dafür zu sorgen, dass wir besser durch die Corona-Krise kommen und die zusätzlichen Belastungen abfedern, die sie verursacht. Dazu zählt, Schüler:innen konkret in der Schule zu helfen. Nachhilfe ist ein furchtbares Kompensationskonzept. Nachhilfe sorgt dafür, dass die Unterfinanzierung des Schulsystems privatisiert wird. Und das zu Lasten von allen, die so schon jeden Euro zweimal umdrehen müssen. So lange das Schulsystem so sozial ungerecht ist, bleibt Nachhilfe die einzige Möglichkeit für hunderttausende Schüler:innen, um es trotzdem irgendwie durch die Schule zu schaffen.  Deshalb hilft es nichts, wenn wir sagen, das Bildungssystem muss anders werden und bis dahin fallen eben die durch, die sich keine Nachhilfe leisten können, wenn sie es brauchen. 

 

Politik der Nützlichkeit…

Während der Corona-Krise hat sich gezeigt, dass viele Kinder in Österreich nicht einmal einen ruhigen Platz in der Wohnung haben, an dem sie lernen und Hausaufgaben machen können. Noch öfter gibt es in der Familie oder Bekanntenkreis niemanden, der:die sie beim Lernen unterstützt. Daher soll das Angebot des Lernnetz erweitert werden: Während die Online-Nachhilfe weiterläuft bauen wir lokal selbst Lernorte auf: die Lernnetz-Zentren. Dort kann man sich treffen, gemeinsam lernen, oder die Nachhilfe-Stunden dorthin verlegen. Ein Zentrum hat zu Beginn ein bis zwei fixe wöchentliche Öffnungszeiten. Es gibt Lehrbücher, Snacks und Getränke und neben einem Arbeits- auch einen Aufenthaltsraum für Pausen. Ein Lernnetz-Zentrum kann gleichzeitig der Ort sein, wo junge Menschen mit Politik und einer Kritik am Schulsystem und unserer Gesellschaft in Berührung kommen: Sei es beim Austausch über die eigene Situation in der Schule oder einer politischen Abendveranstaltung nach dem Lerntreffen.

 

…mit Organisierungsanspruch

Als Junge Linke diskutieren wir viel darüber, dass wir als Linke mehr Vertrauen gewinnen müssen, um groß und handlungsfähig zu werden. Das ist in den letzten Jahrzehnten verpasst worden und die Linke hat im Leben vieler Menschen keine Bedeutung mehr. Da ist es egal, ob wir für Freiheit, Gleichheit und Solidarität einstehen, wenn die wenigsten Menschen daran glauben, dass die Linke in der Lage ist, ihr Leben positiv zu verändern. Wir müssen zeigen, dass wir Strukturen und Ressourcen zur Verfügung stellen können, die Menschen gerade am dringendsten benötigen. Für viele Menschen ist es schwer genug, einfach über die Runden zu kommen. Wenn wir von diesen Menschen verlangen, dass sie die Welt mit anderen Augen sehen, dass sie Hoffnung haben, dann müssen wir dafür etwas anbieten. Dazu gehört neben der gesellschaftlichen Perspektive, dass es wirklich anders geht, auch das Vertrauen, dass man mit uns gemeinsam diesen Weg gehen kann. Deshalb wollen wir mehr darauf setzen, dieses Vertrauen auch zu rechtfertigen. Wir wollen mit diesem Nachhilfenetzwerk einen Raum schaffen, wo junge Menschen einander helfen, die soziale Ungleichheit nicht darüber bestimmen zu lassen, welche Möglichkeiten und Chancen einzelne Menschen haben oder nicht. 

Daher ist es auch das erklärte Ziel, dass es nicht einfach dabei bleibt, dass wir Nachhilfe anbieten. Das ist wichtig und manche brauchen auch einfach nur das. Gleichzeitig haben wir im Blick, wie wir Schüler:innen noch etwas anderes geben können. Zum Beispiel darüber, dass Nachhilfebedarf häufig immer noch als individuelles Versagen gesehen wird und wir Schüler:innen das Gefühl geben wollen, dass sie das nicht auf sich sitzen lassen müssen und gemeinsam was erreichen können – schulischen Erfolg ebenso wie größere Veränderungen. Junge Linke kann so dazu beitragen, solidarische Praxis zu entwickeln. Wir machen erste Schritte in Richtung Organisierung von unmittelbaren Lebensinteressen, bauen durch praktische Hilfe Vertrauen auf und lernen, worauf es dabei ankommt. 

 

Beschlusstext:

Der Landeskongress der Jungen Linke Wien beschließt: Der Bereich Schule und die Organisierung von Schüler:innen soll ein zentraler Schwerpunkt der Arbeit von Junge Linke sein. Dabei steht der Aufbau von Lernnetz-Zentren im Vordergrund. Die Lernnetz-Zentren sollen einer Politik der Nützlichkeit mit Organisierungsanspruch folgen, über die wir eine solidarische Praxis entwickeln und Schritte in Richtung der Organisierung von Lebensinteressen setzen. Für Junge Linke bedeuten die Lernnetz-Zentren die Erweiterung der Sozialstruktur unserer Basis. Sie sind verankert im Organisationsaufbau und ein Teil unseres Aufbaus einer starken Linken. Noch im Jahr 2021 soll das erste Lernnetz-Zentrum in Wien eröffnet werden. 2022 sollen mindestens zwei weitere folgen.