Organisieren wir uns!

Politischer Leitantrag zum 4. Landeskongress von Junge Linke Wien am 29.05.2021

Antragssteller*innen: Serafin Fellinger, Julia Prassl, Max Veulliet

Beschlossen am 4. Landeskongress am 29. Mai 2021.

Seit März 2020 bestimmt die Pandemie das politische Geschehen. Kein anderes Thema konnte sich dagegen durchsetzen. Während in den Jahren zuvor Klimakrise und auch Migration im Mittelpunkt standen und bei Wahlen Stimmen mobilisierten, standen jetzt Impfungen, Lockdowns und die wirtschaftliche Krise im Fokus. Selbst dass die herrschenden Eliten in Österreich bis ins Kanzleramt korrupt sind, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen, und ihren Freunden in der Wirtschaft gerne mal einen Gefallen erfüllen, war keine neue Schlagzeile und nur bei Journalist:innen und auf Twitter der Rede wert. 

In Wien verwaltet die SPÖ die Krise souverän. Sie hat sich nach der letzten Wahl einen möglichst angenehmen Koalitionspartner gesucht. Angesichts des mächtigen SP-Apparates wird mit den NEOS alles bleiben, wie es war. Während die Auswirkungen der Klimakrise immer deutlicher werden, kann die Sozialdemokratie mit den Pinken weiter milliardenschwere Straßenprojekte bauen. Dass ein Großteil der Wiener:innen gar kein Auto und ganz andere Probleme hat, ist ihnen angesichts der starken Baulobby egal. Die Wiener Grünen sind indes in der Opposition wie gelähmt von den Geschehnissen in der Bundesregierung. Dass die FPÖ bei all dem in den Umfragen nur kaum dazu gewinnt, liegt vor allem daran, dass auch sie im Moment den vielen Nichtwähler:innen nicht glaubhaft vermitteln kann, warum sich wählen jetzt wieder lohnen sollte.

Währenddessen gehen jene Themen unter, die die Menschen in ihrem Alltag auch im Ausnahmezustand am meisten betreffen: Wie soll ich meine nächste Miete bezahlen, wenn ich durch die Krise arbeitslos geworden bin? Warum verdiene ich in meinem angeblich systemrelevanten Job so wenig? Was mache ich als Alleinerziehende mit den Kindern, wenn ich trotz geschlossener Schulen 40 Stunden im Home Office arbeiten muss?

Als Linke müssen wir auf diese Fragen Antworten bieten, um erfolgreich zu werden. Einfach das Ende des Kapitalismus zu verlangen, wütende Schilder hochzuhalten und Flyer mit großen Forderungen zu verteilen, reicht dabei nicht aus.

Was wir unter Organizing verstehen

Aus diesem Grund haben wir letzten Herbst die Organizing Academy ins Leben gerufen. Organizing heißt für uns, dass wir Menschen nicht wie bei einer einfachen Mobilisierung nur für eine unserer Aktionen gewinnen, sondern ihnen das Angebot machen, in einer Organisation selbst gemeinsam für ihre direkten Interessen und konkrete Ziele aktiv zu werden. Organizing wird als Methode von Gewerkschaften oft am Arbeitsplatz angewandt, kann aber auch im Wohnumfeld oder in allen anderen Bereichen passieren. Wir sind dabei nicht für, sondern mit den Menschen politisch aktiv. Das geschieht durch aktivierende Gespräche zum Beispiel an Haustüren, durch regelmäßige, verbindliche Präsenz und das Auffinden und Ausbilden von Sympathisant:innen. Dabei wollen wir stetig mehr werden, Hoffnung machen und schlussendlich auch gesellschaftliche Kämpfe gewinnen. Menschen, die in einem konkreten politischen Kampf für sich eingestanden sind, sind viel eher bereit, sich generell in linken Organisationen zu organisieren.

Gleichzeitig bleiben unsere Bezirksgruppen das Herzstück von Junge Linke Wien. Hier docken neue Interessierte an, lernen Junge Linke kennen und probieren erstmals selbst aus, Aktionen selbst mitzuorganisieren. Sie machen es möglich, miteinander politische Arbeit zu erlernen, Formate und Projekte auszuprobieren und tragen schlussendlich alle Aktivitäten des Verbandes. Sie regen uns aber auch dazu an, uns nicht nur auf einer schwer greifbaren Ebene über die Bundespolitik zu empören, sondern konkrete Probleme und deren Lösungen vor unserer Haustür, im eigenen Bezirk, auszumachen. In der Bezirksgruppe finden zum Beispiel Schüler:innen, die über das Lernnetz auf uns aufmerksam werden, oder junge Menschen, die wir bei Hausbesuchen kennengelernt haben und die mit uns aktiv sein wollen, ein politisches Zuhause. Organizing kann also nur eine Ergänzung unserer Aktivitäten in den Bezirksgruppen sein, niemals aber ein Ersatz davon. 

Unser Weg zum politischen Erfolg

Wollen wir als Linke ins Parlament einziehen, können wir uns nicht ausschließlich auf Wien konzentrieren.  Aber hier haben Junge Linke die Möglichkeit, neue Dinge auszuprobieren und Methoden zu erlernen, die uns auch außerhalb von Großstädten weiterhelfen. Unser Landesverband wurde trotz bald 15 Monaten Coronaeinschränkungen nicht geschwächt, sondern steht heute stärker da als je zuvor. Wir haben nicht nur in diversen Onlineformaten unser politisches Wissen erweitert, sondern auch mit den zwei thematischen Schwerpunkten zu Wohnen und Schule und unserem Leadership Lehrgang neue Felder politischer Arbeit eröffnet. Wir haben außerdem gelernt, wie schwierig es sein kann, zusammen mit anderen Menschen Politik zu machen, wenn man sich nicht persönlich sehen kann und wie wichtig uns als Jugendorganisation der Austausch mit unseren politischen Freundinnen und Freunden ist. Dass wir dennoch gestärkt aus dieser Zeit hervorgehen und viele neue Mitglieder für unsere Sache gewonnen haben, zeigt, dass der Weg, den Junge Linke eingeschlagen haben, der richtige ist. Wir wollen auch in Zukunft gemeinsam diskutieren, wachsen und unsere Ideen auf die Straße tragen. Wir sind die am schnellsten wachsende Jugendorganisation Österreichs. Wir werden zur größten politischen Jugendorganisation der Stadt. Wir haben viel vor und es gibt viel zu gewinnen.

Wir sind davon überzeugt, dass wir als Linke ohne eine breite Basis vor Ort und in der Gesellschaft keine Wahlerfolge feiern können werden. Linke, die nicht mit anderen Menschen über ihre guten Ideen reden möchten, werden für immer klein und irrelevant bleiben. Doch wenn wir im persönlichen Gespräch die Anliegen der Menschen ernst nehmen und ein Angebot machen, das ihnen weiterhilft, können wir auch die erreichen, die sich von der momentanen Politik und den etablierten Parteien im Stich gelassen fühlen. Das haben wir mit dem Lernnetz im vergangenen Jahr und mit der SOKO Miete im letzten Monat gezeigt. Dieser Weg hat gerade erst begonnen.

Um Wahlerfolge feiern zu können, eine schlagkräftige Organisation aufzubauen und viele Menschen von linken Ideen zu begeistern, müssen wir im Leben der Menschen einen positiven Unterschied machen und im Alltag der Wienerinnen und Wiener präsent und erreichbar sein. Das Versprechen einer besseren Welt erfüllt sich nicht von selbst – wir zeigen mit Einsatz und Beharrlichkeit, dass wir nicht nur leere Forderungen stellen, sondern dass man gemeinsam alles erreichen kann, wenn man sich zusammentut.

Beschlusstext:

Der Landeskongress von Junge Linke Wien beschließt, dass wir Organizing als Methode vertiefen und ausbauen, um uns ein breiteres Umfeld an politischen Mitstreiter:innen zu schaffen und wertvolle Erfahrungen für den breiten Aufbau einer starken Linken sammeln können. Organizing heißt dabei für uns, dass wir Menschen ein Angebot machen, sich selbst mit uns für ein besseres Leben einzusetzen. Dafür bauen wir das Lernnetz weiter aus und gehen mit der SOKO Miete die nächsten Schritte hin zu einem Zusammenschluss von Mieter:innen, die gemeinsam für ihre Rechte einstehen.

Wir stecken uns dabei folgende Ziele…

…bis Ende 2021:

  • 180 Mitglieder in 12 Gruppen.
  • Die SOKO Miete ist in regelmäßigem Kontakt mit 30 Mieter:innen.
  • 1 Lernnetzzentrum in Wien eröffnen.
  • Jede Bezirksgruppe setzt ein eigenes, mehrwöchiges Projekt um.

…bis zu unserem Landeskongress 2022:

  • 220 Mitglieder in 15 Gruppen und bis 2023 in Gruppen in allen Bezirken.
  • 100 Menschen, die wir durch Organisierungsprojekte kennengelernt haben, verbleiben dauerhaft in unserem Umfeld.
  • 3 Lernnetzzentren eröffnen.
  • Wir etablieren fünf kulturelle, sportliche und soziale Fixpunkte für den Verband, die regelmäßig stattfinden und unterschiedliche Zielgruppen ansprechen.