Hartnäckig, kontinuierlich und regelmäßig – Die Lernnetz-Cafés als Mittel des Organisationsaufbaus

Antrag zum 5. Landeskongress der Junge Linken Wien am 19.02.2022
Antragssteller:innen: Amir Sturm, Teresa Wagner, Florian Kammerhuber, Marie Themel, Clara Wutti, Valerie Schwanda, Dina Eggerth, Angela, Maximilian Melchior

beschlossen am 19.02.2022

Als Junge Linke haben wir dieses Jahr wichtige strategische Entscheidungen getroffen und unseren Kurs klarer gemacht. Wir wollen uns stärker auf unsere Rolle als Jugendverband besinnen und Junge Linke mit sozialen und kulturellen Angeboten noch mehr in der Lebensrealität und dem Alltag Jugendlicher verankern. Auch in Wien stellen wir bei diesem Landeskongress dafür die Weichen. Entsprechend dieser Ausrichtung wollen wir von unser Mitgliederstruktur her breiter und jünger werden. Um das zu erreichen, brauchen wir nicht nur breite Angebote, sondern müssen gezielt vorgehen und besonders unter Schüler:innen und in Schulen eine konsequente Verankerung anstreben. Mit dem Lernnetz-Café, am Anfang bekannt als Lernnetz-Zentrum, erproben wir schon Möglichkeiten dieser Verankerung. Dieser Weg einer kontinuierlichen Arbeit im Schulbereich und einer Verankerung unter Schüler:innen soll gestärkt werden und als wichtiger Pfeiler in die strategische Ausrichtung von Junge Linke eingefügt werden. Denn das ist – angesichts der Ungerechtigkeiten des Schulsystems – auch bitter nötig.

Die Schule: Zementierungsmaschine sozialer Ungleichheit

Dass im österreichischen Schulsystem von der vielzitierten „Chancengerechtigkeit“ nicht viel zu finden ist, ist kein Geheimnis. Schüler:innen aus Familien mit niedrigen Einkommen haben es schwerer in der Schule und schneiden durchschnittlich schlechter ab, weil ihnen Steine in den Weg gelegt werden. Die Corona-Krise hat diese Bildungsungleichheit nicht verursacht, sondern verstärkt und offengelegt. Als im Zuge des Distance-Learning die Schule quasi nach Hause verlegt wurde, konnte man sehen, dass auch die Probleme zu Hause beginnen: Zoom-Sessions in der Küche mit schreienden Geschwistern, keine ruhigen Lernorte, zu wenig Lernmaterial, das mit der ganzen Familie geteilt werden muss. Auch jetzt werden alle Probleme von der Politik auf Schüler:innen, Lehrer:innen und Eltern abgewälzt. Die „Lösung“, dass nun sowohl Distance-Learning als auch Präsenzunterricht stattfindet, kommt einer Kapitulation des Bildungsministeriums gleich. Obendrein will es den Schüler:innen jetzt noch eine „normale“ Matura aufhalsen – in Zeiten, die alles andere als normal sind. Der schulischen Leistungskonkurrenz ausgesetzt, ist das Ergebnis dann für alle Schüler:innen Stress, Leistungsdruck und Versagensängste. Kein Wunder, dass gut die Hälfte aller Jugendlichen mittlerweile depressive Symptome hat. 

Aber dass die Schule buchstäblich krank macht, kann nicht mit der einen oder anderen Reform sofort bewältigt werden. Auch die „Chancengerechtigkeit“ ist nur eine hohle Phrase. Das kapitalistische Schulsystem basiert darauf, dass manche gewinnen und viele scheitern. In der Schule soll nämlich „ausgesiebt“ werden. Das ist die sogenannte „Selektionsfunktion“ von Schule: Es wird entschieden, wer für welche Aufgaben im Berufsleben tauglich ist. Denn im Kapitalismus braucht es einige wenige, die führen, und viele, die folgen, das heißt, einfach arbeiten. Diese Hierarchie ist nicht natürlich, sondern wird in der Schule hergestellt und verfestigt. Damit bleiben Arme tendenziell arm und Reiche bleiben reich.

Da also die Ungerechtigkeit der Schule im kapitalistischen System angelegt ist, kann auch nur eine gesamtgesellschaftliche Umwälzung eine wesentliche Änderung bringen und für diese müssen wir kämpfen. Aber wir können auch im Hier und Jetzt konkrete Hilfe schaffen – und gleichzeitig das große Ganze angehen, indem wir uns organisieren. 

Das Lernnetz-Café als solidarische Praxis

Das Lernnetz-Café ist ein freier Ort zum Lernen und Chillen. Es ist der Versuch, einige Symptome der Bildungsungleichheit zu bekämpfen: Mit einem kostenlosen Lernort, der allen offensteht, rücken häusliche Probleme in den Hintergrund und das Gemeinsame steht im Vordergrund. Wer zu Hause nicht lernen will oder kann, findet hier einen Freiraum vor, wo man gemeinsam lernen und neue Leute kennenlernen kann. Mit gratis Snacks, Getränken, Lernunterlagen und Equipment wie Druckern steht Schüler:innen das zur Verfügung, was das Schulsystem fälschlicherweise als gegeben ansieht. Aber es ist auch mehr als ein Lernort: Es soll eine Community werden, mit regelmäßigen Festen und einem generellen Raum für Freizeit, Austausch und Vernetzung. 

Das Lernnetz-Café als Instrument der Organisierung 

Gleichzeitig ist das Lernnetz-Café kein reiner Selbstzweck. Dass hier dieser Freiraum geschaffen und eine solidarische Praxis entwickelt wird, ist grundsätzlich schon politisch. Aber um tatsächliche Wirkmächtigkeit zu entfalten, braucht es eine Komponente der Organisierung. Denn, wie schon festgestellt, sind das ungerechte Schulsystem und die Gesellschaft miteinander verbunden und um Ersteres zu ändern, braucht es eine Umwälzung in Letzterem. Hier lässt sich das Lernnetz-Café als eine Art Instrument auffassen: Es ist ein konkretes Angebot an Schüler:innen und ein guter Anlass, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen und letztlich für unser gesamtes politisches Projekt zu gewinnen. 

Es kommt aber nicht nur auf das Was an, sondern auch auf das Wie. Um eine wirkliche Verankerung unter Schüler:innen aufzubauen, reicht es nicht, punktuelle Aktionen zu setzen. Wir müssen regelmäßig und kontinuierlich Präsenz zeigen und aktiv auf Schüler:innen zugehen. Konkret kann das heißen, über Wochen, vielleicht Monate, regelmäßig vor gewissen Schulen zu stehen und mit dem Angebot des Lernnetz-Café direkt an die Leute heranzutreten. So zeigen wir, dass wir es ernst meinen und an den Leuten, mit denen wir ins Gespräch kommen, und ihren Problemen auch ehrlich interessiert sind. 

Mit dieser Kontinuierlichkeit können wir uns Stück für Stück ein Umfeld an gewissen Schulstandorten aufbauen und gezielt und systematisch an einer Verjüngung und Verbreiterung unseres Verbandes arbeiten. Sobald wir uns auf diese Weise ein kleines Umfeld aufgebaut, vielleicht sogar Neuinteressierte dazugewonnen haben, kann es zu Multiplikatoren-Effekten kommen. Denn in der Schule sprechen sich Dinge schnell herum und wenn wir an manchen Schulen besonders präsent sind und eine Mitstreiter:in gewonnen haben, können daraus mehrere werden. Mit etwas Hartnäckigkeit könnten so gewisse Schulen zu Bastionen der Jungen Linken werden. Das wäre ein qualitativer Schritt in unserem Wachstum, der uns in eine neue Ausgangslage versetzen würde.

Ob das Lernnetz-Café tatsächlich das Instrument für diese kontinuierliche Organisierungsarbeit sein kann, wird sich in der Praxis zeigen. Momentan lernen wir im Vorwärtsgehen, experimentieren und schauen, was nützlich ist und was nicht. In jedem Fall ist es ein erster Schritt hin zu einem nachhaltigen und systematischen Ansatz im Organisationsaufbau. 

Beschlusstext:

Der Landeskongress beschließt, dass die Lernnetz-Cafés als Beispiel für einen systematischen und kontinuierlichen Ansatz im Organisationsaufbau stehen. Dieser Ansatz soll weiter erprobt und möglichst ausgeweitet werden. Es wird angestrebt, durch regelmäßige Präsenz und Arbeit eine Verankerung unter Schüler:innen bzw. gewissen Schulstandorten zu erreichen. Bis zum nächsten Landeskongress sollen insgesamt drei Lernnetz-Cafés in Wien stabil betrieben werden. Weiters soll es bis dahin drei „Schulzellen“, dh. Schulen mit mind. drei Mitgliedern, geben.