Die Junge Linke Kummernummer

Antrag zum 1. Bundesausschuss 2021 der Jungen Linken
Antragssteller:innen: Alisa Vengerova, Jakob Hundsbichler, Tobias Kohlberger, Tanja Reiter, Nikolaus Laurer, Sara Sturany, Veronika Hackl

Die Hälfte aller jungen Menschen leidet unter depressiven Symptomen. Doch für 843 Menschen gibt es nur 1 Therapeut:in. Dieser Zustand muss dringend geändert werden. Als Junge Linke wollen wir Menschen in all ihren Lebensbereichen organisieren. Dazu gehört auch die Gesundheit. Mit unserem Schwerpunkt wollen wir jetzt auch diesen Lebensbereich angehen und einen Fokus auf das drängendste Problem nach einem Jahr Pandemie legen: Die Psychische Gesundheit.

Psychische Probleme nehmen zu
Mehr als ein Viertel der Österreicher:innen hat depressive Verstimmungen, Angstsymptome oder Schlafstörungen. Bei jungen Menschen sind es mehr als doppelt so viele, Tendenz schnell steigend. Und was macht die Politik: Sie schaut zu. Das ist auch klar – mit ihren Luxus-Gehältern, bei denen sie monatlich so viel bekommen, wofür andere ein ganzes Jahr arbeiten müssen, sind sie nicht auf eine gute kostenlose Gesundheitsversorgung angewiesen. Wenn sie psychische Probleme haben, können sie es sich leisten, alles privat zu bezahlen. Für uns ist das nicht möglich. Wir müssen zusehen, wie wir bei einem extremen Mangel an Psychotherapeut:innen irgendwie durchs Leben kommen.  

Psychische Probleme bestehen nicht abseits gesellschaftlicher Verhältnisse. Woher wir kommen und wieviel Geld wir haben, beeinflusst unser psychisches Wohlbefinden. Wer genug Geld hat, braucht sich keine Sorgen um die Kosten von Miete, Essen oder Bildung zu machen. Geld gibt mehr Möglichkeiten und Sicherheit in der Lebensplanung. Deswegen gibt es starke Zusammenhänge zwischen Depressionsdiagnosen und Arbeitslosigkeit. Menschen mit geringem Einkommen und Menschen, die aufgrund ihres Migrationshintergrundes am Arbeitsmarkt benachteiligt werden, bekommen öfter auch ein Problem mit ihrer psychischen Gesundheit. 

 

Nur gemeinsam sind wir stark!
Psychische Probleme sind also auch Folge der gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen wir leben. Das bedeutet einerseits, dass wir unseren gesellschaftlich bedingten Stress und unsere Lebenskrisen mit Psychotherapie und “Self-Care” erleichtern, aber nicht lösen können. Psychotherapie und “Self Care” sind wichtige Sofortmaßnahmen aber keine politische Veränderung unserer Gesellschaft. Andererseits heißt es, dass wir als politische Organisation Formen der politischen Praxis entwickeln müssen, um den Raum für kollektive Lernprozesse in diesem Bereich aufzumachen. Das machen wir am besten, indem wir ein Projekt starten und beginnen, praktische Unterstützung selbst zu lernen. 

Deshalb setzen wir jetzt einen Schwerpunkt auf das Thema psychische Gesundheit und wollen dabei direkt mit einem konkreten Projekt für Unterstützung sorgen: Die Junge Linke Kummernummer. 

Die Junge Linke Kummernummer!
Es gibt viele Kummernummern in Österreich und die meisten helfen sicher vielen junge Menschen zu lernen, über Probleme zu reden, und geben Mut, sich Hilfe zu holen. Wir sehen darin aber einen paternalistischen Ansatz, der jungen Menschen keine Perspektive bietet, selbst aktiv etwas an der Gesellschaft zu ändern, sondern psychische Probleme eher individualisiert behandelt werden. 

Die Kummernummer von Junge Linke soll da anders werden. Wir setzen uns zum Ziel, mit Jungen Menschen ins Gespräch zu kommen, darüber wie es ihnen geht, wo sie Hilfe brauchen, aber auf Augenhöhe unter Gleichaltrigen und nicht von oben herab. Die Junge Linke Kummernummer ist im ersten Schritt eine Kontaktstelle, bei der junge Menschen unter 30 anrufen oder Nachrichten schreiben können, um anonym mit Gleichaltrigen über Probleme zu reden und anschließend Erfahrungen, Tipps und weitere Stellen vermittelt zu bekommen. 

Wie auch schon beim Lernnetz, zeigen wir mit der Kummernummer: Wir werden von der Politik im Stich gelassen – dann helfen wir uns selbst. Die Junge Linke Kummernummer ist die Telefonhotline für Lebenskrisen von jungen Menschen – für junge Menschen.

Die Junge Linke Kummernummer soll wie die vielen anderen Telefonberatungsstellen auf ausgebildeten Freiwilligen beruhen, die unter professioneller Leitung und Supervision von ausgebildeten ExpertInnen, anderen jungen Menschen dabei helfen können, sich selbst zu helfen. 

Jede:r kann schnell in eine Lebenskrise, Depression geraten oder vor scheinbar unlösbaren Herausforderungen stehen. Wichtig ist, dass wir damit nicht allein sind und Wege finden, uns gegenseitig aus der Ohnmacht zu helfen. Bisher gibt es dafür aber kein Angebot, bei dem man auch Unterstützung direkt von Gleichaltrigen bekommt. Die hohe Hürde bei etablierten Beratungsstellen wie “Rat auf Draht” oder anderen um Hilfe zu fragen, liegt auch darin begründet, dass man aktuell in allen Beratungsstellen in Österreich von Erwachsenen beraten wird, die meist um ein vielfaches Älter sind als man selbst und deshalb auch eine ganz anderen persönlichen Zugang zu dieser Lebenssituation haben. Mit der Junge Linke Kummernummer wollen wir das ändern. Wir helfen uns gegenseitig, weil die Politik uns im Stich lässt.

Mit dem Lernnetz konnten wir ein Jahr lang Erfahrungen in der Selbstorganisierung von jungen Menschen sammeln. Mit der Junge Linke Kummernummer gehen wir einen Schritt weiter. Damit wir anderen jungen Menschen in schwierigen Lebenssituationen aber auch wirklich weiterhelfen können, brauchen wir eine ausgebildete professionelle Leitung, laufende Supervision, konstante Qualitätssicherung und einen umfassenden Ausbildungslehrgang für Teilnehmer:innen bei der Junge Linke Kummernummer. Alle, die als Teil der Jungen Linken Kummernummer in der telefonischen Beratung mithelfen wollen, müssen zuerst die von einer Expertin und Junge Linke gemeinsam ausgearbeitete Schulung durchlaufen, um anderen jungen Menschen helfen zu können. Um, aber auch für die eigene psychische Gesundheit der Mitarbeitenden bei der Junge Linke Kummernummer zu sorgen, wird es monatliche Team-Supervisionen mit einer ausgebildeten Supervisor:in geben.

Angebote vor Ort
Wir wollen aber nicht nur Tipps und Erfahrungen teilen, wenn man sich bereits in einer tiefen Lebenskrise befindet, sondern auch Menschen anhand ihrer Interessen direkt vor Ort organisieren. Gerade junge Menschen haben oft das Problem, dass sie sich nicht zugehörig fühlen. Sei es aufgrund von Geschlecht, politischer Meinung, sexueller Identität oder doch etwas ganz was anderem. Neben der Junge Linke Kummernummer, wollen wir es in unserem Schwerpunkt zu psychischer Gesundheit auch schaffen, jungen Menschen einen Raum zu geben, um vor Ort mit Gleichaltrigen offen über ihre Sorgen zu reden und sich gegenseitig zu ermächtigen. 

Das können sogenannte Peer Groups leisten, die auch in der psychologischen Beratung eine Rolle spielen, jedoch keinen Fokus auf die gesellschaftliche Komponente hinter individuellen Problemen legen und erst bei schwerwiegenden Problemen greifen. Das wollen wir ändern und bis zur Einrichtung der Junge Linke Kummernummer auch über ein Konzept für die Etablierung solcher Peer Groups als Angebot und Hilfe diskutieren. 

Zeitplan
Um die Junge Linke Kummernummer überhaupt starten zu können, brauchen wir noch finanzielle Ressourcen. Für die fachliche Leitung und die Supervision werden wir auf ausgebildete externe Expert:innen zurückgreifen müssen und dafür auch die finanziellen Mittel für eine geringfügige Anstellung der fachlichen Leitung aufstellen. Die Ausbildung der ersten 15 Teilnehmer:innen soll an mehreren Wochenenden im Herbst geschehen, die Bewerbung dafür noch im Sommer starten. Die Junge Linke Kummernummer selbst soll im November 2021 starten. Eine Grundvoraussetzung dafür ist jedoch, dass wir bis Anfang Herbst genügend Gelder aufgestellt haben, um den laufenden Betrieb der Junge Linke Kummernummer für ein Jahr sicherzustellen. Im Laufe des nächsten Jahres soll es dann immer wieder neue Ausbildungen und Weiterbildungen für alle geben, die bei der Junge Linke Kummernummer mitmachen wollen. 

Beschlusstext
Der Bundesausschuss beauftragt den Bundesvorstand damit, bis November 2021 die Junge Linke Kummernummer für junge Menschen aufzubauen. Zusätzlich soll der Bundesvorstand bis zum nächsten Bundesausschuss im Herbst 2021 ein Konzept zu politischen Peer-Groups vorlegen, damit wir auch vor Ort eigene Angebote zur Selbstermächtigung schaffen können.

Der Antrag als pdf: