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Morgenpost – 6. September

  1. Mit Höchstgeschwindigkeit in die 4. Welle: Corona-Zahlen explodieren

Die Impfzahlen in Österreich sind im Keller. Während im Juni etwa 37.200 Impfdosen täglich verabreicht wurden, sind es derzeit nur mehr 6.100 – ein Rückgang um 84 Prozent. Dieser Impffortschritt liegt deutlich unter den schlimmsten Befürchtungen von Expert:innen. Nur rund 62 Prozent der Bevölkerung sind in Österreich vollimmunisiert. Das reicht nicht, um ohne Lockdown durch den Herbst zu kommen – Fachleute prognostizieren, dass die vierte Corona-Welle im Spätherbst einen neuen Höhepunkt erleben wird. Noch beunruhigender ist allerdings, wie die Politik darauf reagiert. Es gibt keine Strategie dafür, die Impfraten wieder in Gang zu bringen. 

Der Mangel an politischer Strategie erinnert an letzten Herbst: Die Kurz-Regierung hat damals bei der Krisenbekämpfung versagt und Österreich mit Höchstgeschwindigkeit in die dritte Welle geschickt. Doch die aktuellen Zahlen sehen schlechter aus als letzten Herbst. Während es letztes Jahr zur selben Zeit 327 Neuinfektionen pro Tag gab, beträgt die Dunkelziffer jetzt Schätzungen zufolge 5.000 Infektionen pro Tag und die Anzahl an Patient:innen in Intensivstationen ist deutlich höher.

Gerade die Sommermonate hätten dazu genutzt werden müssen, Aufklärung zu betreiben und Menschen zu überzeugen, sich impfen zu lassen. Andere Länder machen vor, wie es gehen kann: Von Geldprämien über das Impfen bei Fußballspielen bis hin zu gratis Bratwurst. In Spanien bekommen alle automatisch einen Termin zugewiesen, wer keine Impfung will, muss sich aktiv abmelden. 

Doch Österreich tut nichts davon, die Regierung Kurz sieht dabei zu, wie Impfraten nach unten und Infektionszahlen nach oben gehen. Nach drei Wellen wissen wir, dass es auch anders geht. Die vierte Welle kündigt sich schon deutlich an. Doch die Regierung weist durch ihre Appelle an die Eigenverantwortung lieber Verantwortlichkeit von sich, anstatt sinnvolle und kohärente Regelungen zu entwerfen.

Der ORF berichtet über das derzeitige Impftempo.

Die WHO rechnet mit bis 200.000 Corona-Toten in Europa bis Dezember.

Der Standard diskutiert, ob es einen neuen Lockdown geben wird.

  1. Schlag auf Schlag: Arbeitsminister Kocher will Reform des Arbeitslosengeldes

Wenn es darum geht, Arbeitslose zu schikanieren, geht es derzeit Schlag auf Schlag. Letzte Woche forderte der AMS-Chef, Arbeitslosen zu verbieten nebenbei geringfügig zu arbeiten. Jetzt fordert Arbeitsminister Martin Kocher eine Reform des Arbeitslosengeldes. Die genaue Ausgestaltung dieser Reform ist noch offen, bis Ende des Jahres soll das zukünftige Modell entworfen werden. Fest zu stehen scheint jedoch, dass ein degressives Modell geplant ist. Das bedeutet, dass zwar vielleicht sogar die niedrige Nettoersatzrate von 55% anfangs etwas angehoben wird, das Arbeitslosengeld dann aber rasch sinken sollte. 

Die Agenda Austria spricht sich hier etwa für ein Modell aus, bei dem das Arbeitslosengeld nach einiger Zeit nur mehr 45% des letzten Gehaltes entsprechen sollte. Vor allem für Langzeitarbeitslose bedeutet das ein weiteres Abdriften in Armut  und die Möglichkeit der  Herausbildung eines Niedriglohnsektors, ähnlich wie er in Deutschland nach den Hartz 4 Reformen entstanden ist. Wie schon letzte Woche berichtet, leben ohnehin 9 von 10 Arbeitslosen derzeit in Armut 

In seinen Reformplänen betont Kocher, “evidenzbasiert” vorgehen zu wollen und zwischen jenen, die aufgrund fehlender Qualifizierung keinen Job finden würden, und jenen, denen die “Arbeitsanreize” fehlen würden, zu differenzieren. Schon hier zeigt sich die Widersprüchlichkeit der Aussagen des Ministers: Eben jene Langzeitarbeitslosen, die von einem degressiven Modell besonders betroffen wären, sind häufig gering qualifiziert und daher schwer vermittelbar. An ihren Chancen am Arbeitsmarkt würde ein schneller sinkendes Arbeitslosengeld aber nichts ändern. 

Bis Ende des Jahres möchte Martin Kocher eine Reform des Arbeitslosengeldes umsetzen.

Im “Arbeitslosenmonitor” analysiert das Momentum Institut die Situation von Arbeitslosen.   

Sozialminister Mückstein spricht sich (noch) gegen die Pläne Kochers aus.

  1. Psychische Krankheiten: Psychotherapie vs. Self Care

Obwohl das Thema immer wieder mit Corona in Verbindung gebracht wird, existieren psychische Erkrankungen nicht erst seit der Covid-19-Pandemie. Auch vor Corona litt ein Viertel aller Jugendlichen unter psychischen Krankheiten. Und fast 40 Prozent aller Menschen mit geringer sozialer Absicherung (etwa von Arbeitslosigkeit oder Armut betroffene Menschen) zeigen Symptome psychischer Erkrankung. Dennoch hat Corona die weltweite Krise psychischer Erkrankungen weiter beflügelt. 

Warum es dazu gekommen ist, hat eine Reihe von Gründen. Unter anderem sind durch die Pandemie mehr Menschen von Risikofaktoren wie Arbeitslosigkeit oder Armut betroffen. Viele Tätigkeiten und Strukturen, die Menschen vor der Pandemie Stabilität und Halt gegeben haben, waren während der Krise nicht möglich oder sind ins Wanken geraten. Dabei ist das sehr wichtig für die psychische Gesundheit.

So wird psychische Gesundheit mehr und mehr zur Klassenfrage. Nicht nur, dass Menschen, die finanziell besser gestellt sind, weniger häufig an psychischen Erkrankungen leiden. Wenn sie es denn tun, haben sie auch eher die Mittel, sich eine Therapie zu finanzieren, denn Psychotherapie ist teuer und es gibt in Österreich ein begrenztes Kontingent an Kassenplätzen, das weitaus geringer ist als der Bedarf. Nun bezahlt die Österreichische Gesundheitskasse Influencer:innen dafür, online Self-Care-Tipps zu teilen, anstatt mehr Kassenplätze zur Verfügung zu stellen, damit es nicht eine Frage der Geldtasche ist, ob jemand therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen kann.

In der aktuellen Folge von „Kein Katzenjammer“, dem jungen linken Podcast, spricht Flora Petrik mit Max Rigele darüber, wie unsere Gesellschaft psychische Erkrankungen hervorruft, was die Rolle von Therapie dabei sein kann und welche linken Forderungen sich daraus ergeben.

Max Rigele spricht in “Kein Katzenjammer” darüber, warum Psychotherapieplätze allgemein sinnvoller sind als Self-Care-Ratschläge.

Der Berufsverband Österreichischer Psychologinnen und Psychologen fordert leistbare Therapie für alle Menschen.

Die TAZ berichtet über den Teufelskreislauf von psychischen Erkrankungen und Armut.

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