fbpx

Morgenpost – 5. Oktober

1. Sterben jetzt die Zombies? Die drohende Pleitewelle

Während die Coronazahlen in Österreich stetig steigen, laufen die Hilfsmaßnahmen für Unternehmen langsam aus. Wo das besonders brenzlig werden könnte sind die Kredite, deren Rückzahlung aufgeschoben wurde. Alleine Privatpersonen und Kleinunternehmen haben Kredite im Umfang von 6,6 Milliarden Euro gestundet, die jetzt wieder fällig werden. Die Finanzmarktaufsicht befürchtet nun, dass jeder vierte gestundete Kredit ausfallen könnte.

Dies eröffnet jetzt wieder die Debatte um die sogenannten “Zombiefirmen”. Darunter versteht man Unternehmen, die eigentlich nicht mehr profitabel wirtschaften können, aber durch wirtschaftspolitische Maßnahmen am Leben gehalten werden und laut manchen Schätzungen vor allem in Südeuropa über 30 Prozent aller Unternehmen ausmachen. Bei der Frage, wie man mit diesen Firmen umgehen soll, scheiden sich die Geister: Die einen meinen, dass die staatlichen Hilfen verschwendetes Geld sind und den Bankrott der Firmen lediglich hinauszögern. Währenddessen betonen die anderen die stabilisierende Rolle des Staates in der Krise und die Gefahr von Massenarbeitslosigkeit.

Zweifellos würde ein Bankrott der meisten Zombiefirmen sofort zu einem Wirtschaftseinbruch führen, der die Finanzkrise von 2008 in den Schatten stellt. Die, die für ein Ende der lebensverlängernden Maßnahmen des Staates eintreten, treffen jedoch einen wichtigen Punkt: So lange Firmen im Kapitalismus geringe oder keine Profite schreiben, investieren sie nicht und stellen keine neuen ArbeiterInnen ein. Wir können uns damit kein dynamisches Wirtschaftswachstum erwarten, so lange Unternehmen keine Perspektive haben, höhere Gewinne einzufahren und profitabel zu expandieren. Die Unternehmen wiederum können ihre Profite im Kapitalismus nur steigern, wenn Konkurrenten pleite gehen oder die Löhne durch Arbeitslosigkeit sinken. Eine Pleitewelle der Zombiefirmen wäre damit langfristig wohl eine Frischekur für die Weltwirtschaft, die dann wieder Möglichkeiten zum Wachsen hätte. An der Debatte um die Zombiefirmen zeigt sich wieder einmal die Unmenschlichkeit des Kapitalismus, der sinnloses Leid und Zerstörung braucht, um gut zu gedeihen.

Was genau sind Zombie-Firmen? Eine gute Erklärung findet man am OXI-Blog  

Jeder vierte gestundete Kredit wackelt aktuell, schreibt der Standard 

Der ehemalige Notenbankchef Nowotny meint, dass die „Zombiejäger“ am Irrweg sind 

2. Männer: Privilegiert oder selbst Opfer des Systems?

Von Männern ausgehende Gewalt ist in unserer Gesellschaft ein Problem. Im Durschnitt begehen mehr Männer als Frauen Straftaten und Männer greifen viel häufiger zu Gewalt. Das trifft vor allem Frauen, aber auch sie selbst: 2019 machten Männer 78 Prozent aller Suizidfälle aus. Warum ist das so? Warum stehen Männer in unserer Gesellschaft in der sie doch eigentlich in einer privilegierten Rolle stehen, trotzdem unter so viel Druck? 

Immer hart und stark sein müssen, keine Gefühle zeigen dürfen – die Gesellschaft stellt Ansprüche an Männer, denen nicht alle entsprechen wollen oder können. Leider gibt es dazu nicht wirklich einen Umgang in der Gesellschaft und auch nicht innerhalb der Linken. Es gibt wenige Orte an denen Männer lernen, über ihre Gefühle zu reden und darüber zu reflektieren, was die Umgebung, in der sie aufgewachsen sind und in der sie leben, mit ihnen macht.

In den letzten Jahren wurde dieser Krise der Männlichkeit immer mehr Aufmerksamkeit geschenkt: Ein Schlagwort, das man dabei in linken und liberalen Kreisen oft findet, ist die “kritische Männlichkeit”. Die fordert von Männern ein, das eigene Verhalten zu hinterfragen und Muster darin zu verändern, die zur Unterdrückung von Frauen beitragen. Diese Reflexion ist zweifellos wichtig und richtig, bleibt aber noch oft auf einer individuellen Schuld-Ebene stehen. Ein kollektives Bearbeiten von Männerthemen und -problemen gibt es kaum. Auch lassen Konzepte der kritischen Männlichkeit oft offen, welche aktive Rolle Männer im Kampf um eine bessere Gesellschaft überhaupt einnehmen können. Warum wir von der kritischen Männlichkeit zu einer linken, politischen Männlichkeit fortschreiten müssen, was das heißt und was die nächsten Schritte dafür sein können, diskutieren Teresa Griesebner und Flora Petrik in der neuen Folge unseres Podcasts “Kein Katzenjammer”.

Die neue Folge “Kein Katzenjammer”: Männer

SRF Artikel: Männer in der Krise: Wie soll Mann heute sein? 

Social Impact Award: Men in Care and Education

3. Trump vs. Biden – Warum die TV-Debatte nichts ändert

Letzte Woche hat die erste Fernsehdebatte der US-Wahl stattgefunden und laut 60 Prozent aller ZuseherInnen hat Joe Biden Donald Trump klar geschlagen. Doch schon bei der letzten Wahl hat Hillary Clinton in den öffentlichen Diskussionen wesentlich besser abgeschnitten als Trump, am Wahltag hat ihr das bekanntlich wenig gebracht. Vieles spricht dafür, dass die TV-Diskussionen enorm an Relevanz eingebüßt haben. 

Die öffentlichen Debatten richteten sich traditionell an WählerInnen, die sich erst wenige Wochen vor der Wahl entscheiden. Angesprochen wurden diese in der Vergangenheit als die “politische Mitte”, die im Grunde zufrieden mit den Verhältnissen ist. So galt kurz vor der Wahl die Formel: Wer die Mitte überzeugt, gewinnt die Wahl. Je weichgespülter man daherkommt, desto besser die Chancen.

Doch nur noch fünf Prozent aller WählerInnen zählen sich heute noch zu den WechselwählerInnen, so wenige wie noch nie. Und auch die ließen sich bei der letzten Wahl nicht durch moderate Parolen überzeugen, Trumps Angriffe auf das Establishment zogen bei ihnen viel besser. Die TV-Debatte verliert an Relevanz, weil der Kampf um die “politische Mitte”, den die Demokraten mit Joe Biden auszufechten glauben, seit Jahren tot ist. Dafür spricht auch, dass die ZuseherInnenschaft der TV-Diskussion deutlich demokratisch gefärbt war und nur sechs Prozent davon noch unentschlossen waren, wen sie im November wählen werden. Joe Biden hat die moderate Mitte wohl ohnehin schon längst überzeugt – die kann aber keinen Wahlsieg mehr garantieren. Diese Veränderung hat die Trump-Präsidentschaft überhaupt ermöglicht, die Demokraten versuchen aber nicht einmal darauf zu reagieren, sondern bespielen weiterhin das Gespenst der “unentschlossenen Mitte”. Somit hängt die Frage, ob sie Trump schlagen können, in erster Linie davon ab, ob die Angst der Menschen vor dem Coronavirus, das Trump trotz eigener Erkrankung kleinredet, groß genug ist.

Jacobin zur TV-Debatte Trump vs. Biden 

Das veränderte Wahlverhalten der US-AmerikanerInnen [Englisch]

Die Wiener Zeitung über die Spaltung der US-WählerInnenschaft angesichts des Coronavirus

Share on facebook
Share on twitter
Share on whatsapp