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Morgenpost – 27. April

1. Corona, Phase 2: Kommt die “zweite Welle”?

In Deutschland warnen Virolog*innen vor der Lockerung der Maßnahmen gegen das Coronavirus und befürchten eine zweite Infektionswelle. Aufgrund der Eigenschaften des Virus wird diese Welle sich wohl erst dann in den Zahlen niederschlagen, wenn es zu spät ist, anders gegenzusteuern als durch einen erneuten Lockdown. Um das zu vermeiden, braucht es eine möglichst umfassende Datenlage. Das schließt einerseits möglichst hohe Testzahlen ein, andererseits hochwertige Daten über Verbreitung und Krankeitsverläufe. Es scheint als stünden wir vor der Wahl: Weitere “harte” Lockdown-Maßnahmen oder gezielte, datenbasierte Maßnahmen gegen Corona. Trotz berechtigter Bedenken vor der Möglichkeit einer starken Zunahme der Überwachung durch den Staat sind Maßnahmen, die Infektionsketten möglichst früh durchbrechen können, ein wichtiger Bestandteil der Bekämpfung. 

Zur Datenlage äußern Wissenschafter*innen seit Wochen Kritik: Die Regierung begründet weder anhand der Daten, welche Maßnahmen gesetzt werden und welche nicht, noch sind diese Daten für die Forschung oder gar die Bevölkerung ausreichend zugänglich. Von der Strategie flächendeckender Tests ist die Regierung unter Kritik von Expert*innen zuletzt wieder abgerückt. Im contact tracing hat die Regierung beim Launch der „Stopp Corona“-App versagt – unter anderem aufgrund unklarer Aussagen zu verpflichtender Nutzung und Datenschutz hat die Regierung wichtiges Vertrauen verspielt. Vertrauen, das es braucht, um eine Verbreitung der App auf freiwilliger Basis von 60 Prozent zu erreichen, mit der eine solche App erst Sinn machen kann. Die Regierung war gut darin, einen Lockdown durchzusetzen. Ob sie dem weit komplexeren Containment gewachsen ist – das ist noch offen. 


2. Frauen in der Krise

Die Corona-Krise trifft Frauen und Männer unterschiedlich. Denn während beide ihren Teil zum Erhalten des gesellschaftlichen Lebens beitragen, bleibt die Arbeit von Frauen oft unsichtbar. Durch die Schließung von Schulen und Kindergärten wurde die Kinderbetreuung vom Staat abgekoppelt und findet nun unbezahlt im Privaten statt. Gemeinsam mit der Hausarbeit wird sie einmal mehr hauptsächlich von Frauen getragen. Alleinerzieher*innen stehen vor einer besonderen Herausforderung, in einer Zeit der sozialen Isolation zwischen Beruf und Kind zu jonglieren. Etwa 90% dieser Alleinerziehenden in Österreich sind Frauen.

Zudem arbeiten in den zur Zeit stark geschwächten Branchen, wie Gastronomie, Handel oder Tourismus, mehrheitlich Frauen. Sie sind dadurch stärker von Kündigungen betroffen. Für viele verwandelt sich die eigenen vier Wände in der Isolation in einen regelrechten Albtraum. Häuslichen Gewalt ist seit Beginn der Pandemie dramatisch angestiegen, den Betroffenen fehlt oft der Zugang zu einem Zufluchtsort. Die Frauenhelpline ist 24 Stunden kostenlos unter der Telefonnummer 0800 222 555 erreichbar, online gibt es Beratung und Hilfe unter „Halt der Gewalt“.

Fest steht, dass der aktuelle Umgang der Regierung in Österreich, aber auch weltweit, langfristige und schwerwiegende Folgen insbesondere für Frauen hat. Welche Forderungen können wir stellen? Genau darum geht’s in unserem aktuellen Podcast “Kein Katzenjammer” – hör einmal rein!


3. Gratis Öl – Wie geht das!?

Flugverkehr, Autos, Industrie – Öl treibt unsere Wirtschaft an. Nur logisch also, dass die Ölpreise sinken, wenn große Teile der Wirtschaft plötzlich still stehen. Letzte Woche aber waren die Preise für US-Rohöl sogar kurze Zeit negativ. Man bekam also nicht nur gratis Öl, sondern bis zu 54$ pro Fass obendrauf. Wie kann das sein? An den Ölmärkten werden meistens keine Fässer voll mit Öl gehandelt, sondern das Recht auf eine Öllieferung zu einem bestimmten Zeitpunkt, meist am Ende des aktuellen Monats. Der Knackpunkt dabei: Die meisten Leute an diesen Märkten verkaufen Öl, das sie nicht haben, und kaufen Öl, das sie nicht wollen. Das Ziel dabei ist, das Recht auf eine Öllieferung rechtzeitig zu verkaufen und die dabei entstandene Differenz zwischen Kauf- und Verkaufspreis, sogenannte Kursgewinne, einzustreichen. Dieses Kartenhaus ist letzte Woche eingebrochen, weil die SpekulantInnen wegen der Coronakrise kurz vor dem Stichtag auf ihren zuvor gekauften Öllieferungen sitzen geblieben sind.

Solche Termingeschäfte, sogenannte Derivate, gibt es nicht nur beim Öl, sondern quasi überall. Sie sind viel riskanter und schwerer zu regulieren als zum Beispiel Aktien und in wenigen Jahrzehnten ist ihr Umfang auf rund das Zehnfache der gesamten Weltwirtschaft gewachsen. Mit fatalen Folgen für Millionen von Menschen: Was letzte Woche mit dem Ölpreis geschehen ist, geschieht im Kleinen nämlich ständig – auch mit Kaffee, Metallen und Getreide.

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