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Wir Kinder vom Bahnhof Zoo

ECKDATEN:

  • Eckdaten: 1981
  • Regie: Ulrich Edel
  • Mit Natja Brunckhorst, Thomas Haustein, David Bowie

2021 startete die Serie “Wir Kinder vom Bahnhof Zoo”. Grundlage dafür war ein Buch der Spiegel-Journalisten Kai Hermann und Horst Rieck und die dazugehörige Filmbiographie “Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo” aus dem Jahr 1981. Dieser Film skizziert die reale Geschichte von Christiane F., die mit 14 Jahren drogenabhängig wird.

Christiane F., also Christiane Felscherinow, wächst mit ihren Eltern und ihrer Schwester in der Gropiusstadt in Westberlin auf. Die Gropiusstadt ist eine Großraumsiedlung im Berliner Bezirk Neukölln, die nach wie vor als sozialer Brennpunkt gilt. Der Vater ist gewalttätig, so wie es viele Elternteile in dem umgebenden Milieu waren. Im Film wird der soziale Hintergrund nicht eingehend beleuchtet. Nachdem sich die Eltern trennen und die Schwester zum Vater zieht, lebt Christiane alleine mit ihrer Mutter in einer Wohnung. Die 13-jährige Christiane beginnt abends auszugehen, meist in die Diskothek “Sound”, und kommt schnell mit Drogen in Berührung. Sie verliebt sich in einen Jungen, der selbst Drogen konsumiert. Sie will dazugehören, probiert Haschisch und Tabletten wie Ephedrin, Valium oder Mandrax. In der Szene sind bereits einige rauschgiftsüchtig und so dauert es nicht lange bis Christiane auf einem David Bowie-Konzert mit 14 Jahren zum ersten Mal Heroin nimmt. Der vermehrte Drogenkonsum führt früh zu Beschaffungskriminalität. Christianes Freund ist ebenfalls abhängig und geht auf den Kinderstrich am Bahnhof Zoologischer Garten. Als er damit nicht mehr genug Heroin für beide beschaffen kann, prostituiert sich auch Christiane. Gemeinsam mit ihrem Freund entzieht sie, aber der Rückfall lässt nicht lange auf sich warten.

Im Berlin der 70er

In der Berliner Disko “Sound” konsumierte Christiane F. regelmäßig Drogen.

Der Film fasst das Buch knapp zusammen und bringt dadurch die verworrenen Ereignisse in einen, so nicht existenten, linearen Verlauf. Die Höhen und Tiefen, die im Buch noch beschrieben werden gehen im Film leider verloren. Trotzdem vermittelt der Film einen interessanten Überblick über die Zeit, in der Christiane F. in die Drogensucht fällt. Im Berlin der 70er Jahre gab es hierzu keine effektiven Maßnahmen. Drogenhandel und Kinderprostitution wurden hingenommen und die polizeilichen Maßnahmen blieben erfolglos, weil sie nicht die Grundlage des Problems angriffen. Erst 1978 kam es durch überfüllte Haftanstalten und einer Summe an Drogentoten zu einer Änderung der Drogenpolitik in Berlin. Die Maßnahmen wurden besser finanziert, waren weniger autoritär und näher an der Gesellschaft umgesetzt. Die Kinder vom Bahnhof Zoo bleiben trotzdem Opfer der gescheiterten Drogenpolitik.

Die Realität einer Drogensucht

Es wird filmisch versucht, die Realität im damaligen Berlin für junge Menschen darzustellen. Als Statisten fungierten meist Menschen, die tatsächlich drogenabhängig waren und sich am Bahnhof Zoologischer Garten aufhielten. Der Abstieg von Christiane F. und ihres Bekanntenkreises wird ungeschönt dargestellt. Der Film soll eine abschreckende Wirkung haben, diese ist jedoch umstritten. Für Menschen ohne Affinität zu Drogen mag dies zutreffen, aber für einige junge Mädchen war Christiane F. auch ein zweifelhaftes Vorbild. Was der Film verabsäumt klar in den Vordergrund zu bringen: Das Leben dieser jungen Menschen ist nicht wunderschön und plötzlich kommt die Droge Heroin, die alles kaputt macht. Deren Situation ist davor schon nicht schön, sie versuchen mit ihrem Konsum aus der Realität zu flüchten. Im Film scheint es, als würden junge Menschen bei einem Diskothekbesuch sofort in die Drogenabhängigkeit zu fallen. Der Einfluss des sozialen Status und widriger Umstände wird ausgeklammert. Bedingende und auslösende Faktoren spielen eine wichtige Rolle in der Aufklärungsarbeit. Oft dient der Film als Mittel zur Aufklärung. Dazu sollten auch die individuellen Bedingungen, mit denen Christiane F. ihre Drogenabhängigkeit startete, klar beleuchtet werden.

In den 70ern versagte die Politik darin, Drogen und Kinderprostitution am Bahnhof Zoo zu verhindern.

Ohne zu viel zu verraten bildet das Ende des Filmklassikers nicht die Realität einer Drogenabhängigkeit ab. Christiane Felscherinow war als junge Erwachsene mehrere Jahre clean, hatte jedoch zahlreiche Rückfälle und Entzüge, muss heute nach wie vor Methadon nehmen. Ihre Geschichte nach “Wir Kinder vom Bahnhof Zoo” erzählt sie in ihrem Buch “Christiane F. – Mein zweites Leben” (2013).

In der aktuellen Serie “Wir Kinder vom Bahnhof Zoo” von Philipp Kadelbach und Sophie von Uslar (2021) werden viele Eckdaten der Biografie wieder aufgegriffen und fiktive Charaktere und Erzählungen hinzugefügt. Diese künstlerische Freiheit erlaubte es den Macher*innen ein breiteres Bild der Drogenabhängigkeit zu zeigen, die Hintergründe der einzelnen Kinder, die genauso heute leben könnten. Viele neue Elemente machen die Geschichte zeitlos und gleichzeitig etwas zu schön. Zwar werden die Bedingungen der jungen Menschen besser dargestellt; das dreckige und reale Bild einer Sucht, wie man es im Originalfilm findet, ist aber verschwunden. In der Serie sehen die Charaktere trotz Rauschgift immer noch schön aus. Mit der abschreckenden Wirkung des Films kann die neue Interpretation nicht mithalten.

Relevanz über die Grenzen Berlins hinaus

“Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo” ist in seiner Machart nah an der Realität. Der Film provoziert, vor allem weil er das komplette Versagen der restriktiven Drogenpolitik schonungslos zeigt. Während er die Sucht und das Schicksal der Christiane F. illusionslos darstellt, versäumt der Film es, die tatsächliche Lebensrealität, die perspektivlose Armut, die erst zur Drogenabhängigkeit führt,  genügend darzustellen. Insgesamt bleibt der Film trotzdem ein Klassiker mit Relevanz weit über die Grenzen Berlins hinaus.

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