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Trial of the Chicago 7

ECKDATEN:

  • Regie: Aaron Sorkin
  • Drehbuch: Aaron Sorkin
  • Mit: Sacha Baron Cohen, Eddie Redmayne, Joseph Gordon-Levitt

Der 2020 auf Netflix erschienene, Spielfilm “The Trial of the Chicago 7” erzählt die Geschichte des wohl bekanntesten und umstrittensten US-Amerikanischen Gerichtsprozesses der Vietnam-Ära und seine Hintergründe. Nach lautstarken und mitunter gewaltsam endenden Protesten gegen den Vietnamkrieg im Zuge der Democratic National Convention 1968, werden ihre Rädelsführer verhaftet und angeklagt, einen gewaltsamen Aufstand geplant zu haben. Zunächst noch acht, später sieben, junge Aktivisten müssen sich so in einem mitunter politisch motivierten Prozess gegen die US-Justiz behaupten, die sie unter allen Umständen hinter Schloss und Riegel bringen will.

Kochende Stimmung in den USA

Mitte der 50er Jahre entschloss sich die US-Regierung in den bewaffneten Konflikt zwischen Nord- und Südvietnam zu intervenieren, um eine weitere Ausbreitung des Kommunismus, im Falle eines Sieges des Nordens, zu verhindern. Anfang der 60er Jahre eskalierte die Beteiligung der USA im Vietnamkrieg merklich, und immer mehr junge Männer wurden für den Kriegsdienst eingezogen, während der Vietnam durch den massiven Einsatz von US-Streitkräften und flächendeckenden Bombardements mit Napalm und chemischen Kampfstoffen zunehmend verwüstet wurde, mit gravierenden Konsequenzen für die vietnamesische Bevölkerung. 

All dies führte schließlich zur Sammlung einer breiten Antikriegsbewegung in den USA, bestehend sowohl aus  besorgten Müttern, wie auch Hippies, Studenten, dem Afro-Amerikanischen Civil-Rights Movement und zahlreichen linken Organisationen und Gewerkschaften, die dem Abschlachten nicht tatenlos zusehen wollten. Folglich wurde im Verlauf der Zeit auch die zentrale Forderung nach der Beendigung des ungerechten und unmoralischen Vietnamkrieges um weitere progressive und soziale Ziele erweitert, sodass die Antikriegsbewegung zunehmend einer fast revolutionären Bewegung glich, die mehr und mehr den Anspruch stellte, die US-Amerikanische Gesellschaft grundlegend zu verändern. Deswegen ist es auch wenig überraschend, dass die konservativen Gesellschaftsschichten und das politische Establishment zunehmend reaktionär auf die progressiven Tendenzen der 60er Jahre reagierte. Sowohl die Kapitaleigentümer, die ihre Profite und die wirtschaftliche Stabilität bedroht sahen, als auch Verfechter einer rigiden gesellschaftlichen Ordnung, inklusive starrer Geschlechterrollen und der Berufung auf alte “christliche” Werte und Moralvorstellungen, sahen sich genötigt,  Sturm gegen die Forderungen der Antikriegsbewegung zu laufen. 

Der Prozess

Der Gerichtsprozess gegen die später als “Chicago 7” bekannten wild zusammengewürfelten Angeklagten, der die zentrale Handlung des Films darstellt, fand 1969 in der Hochphase dieses Konflikts zwischen progressiven und reaktionären Elementen der US-amerikanischen Bevölkerung statt. Nachdem der Republikaner Richard Nixon 1969 zum neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde, nahm sich das von ihm neu besetzte Justizministerium mit Vergnügen der Aufgabe an, die Repressionen gegen die Antikriegsbewegung, vor allem über Gesetze und härtere Strafverfolgung zu intensivieren, um den Widerstand gegen den immer unpopulärer werdenden Krieg zu brechen. Folglich wurden mehrere bekannte Persönlichkeiten der Antikriegsbewegung, die meisten von ihnen in diversen linken Organisationen tätig, angeklagt, einen Aufstand angezettelt zu haben. Ausschlaggebend für die republikanische Regierung hierfür waren just die Proteste rund um die Democratic National Convention, eines Kongresses zur Wahl des demokratischen Präsidentschaftskandidaten einige Monate zuvor in Chicago. Die Antikriegsbewegung nutzte die Convention, um durch Demonstrationen lautstark auf ihre Forderungen aufmerksam zu machen. Dabei kam es zur massiven gewaltsamen Ausschreitungen zwischen größtenteils friedlichen Demonstranten und der Polizei sowie Nationalgarde von Chicago. 

Der Film zeigt auf, wie sehr der Prozess gegen sieben bekannte Persönlichkeiten der Antikriegsbewegung politisch motiviert war, und welche parteiische Position der zuständige Richter im Verlauf des Prozesses einnahm. Allerdings wirft er auch Licht auf die angeklagten Persönlichkeiten wie Tom Hayden (Eddie Redmayne) oder Abbie Hoffman (Sacha Baron Cohen) und ihre kreativen Methoden, selbst im Gerichtssaal noch gegen den Krieg und das veraltete amerikanische Establishment zu demonstrieren, was mitunter zu einigen heiteren Szenen während der Verhandlung führte. 

Für uns als Linke wirft das “Trial of the Chicago 7” viele interessante Fragen auf, auf die wir dringend Antworten finden sollten. Was kann Protest bewirken und welche Formen muss er dafür annehmen? Sollten wir uns nicht alle Möglichkeiten von Protest offen halten und lernen, diese je nach Bedarf flexibel einzusetzen, um schlimme Konsequenzen wie Abschiebungen zu verhindern? Das betrifft friedliche, straff organisierte und dafür zugängliche Proteste genauso wie kreative, aber auffällige Formen von Protest, um gezielt Aufmerksamkeit zu erregen.

Und wie wollen wir reagieren, wenn der Staat unseren Forderungen mit Gewalt begegnet? 

Der Film selbst kann diese Fragen nicht beantworten, und stellt diesen Anspruch auch nicht. Allerdings katapultiert er uns in eine Zeit des massiven gesellschaftlichen Aufbegehrens, das auch in der 68er-Bewegung in Deutschland seinen Ausdruck fand, und hält uns an, die Geschichte und Entwicklung dieser Bewegungen zu studieren, um von ihnen zu lernen, sowohl was ihre Errungenschaften als auch ihre Fehler betrifft.

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