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Sorry, we missed you – Keiner zuhause

ECKDATEN:

 – Dauer: 101 Minuten
 – Regie: Ken Loach
 – Drehbuch: Paul Laverty
 – mit: Kris Hitchen, Debbie Honeywood, Rhys Stone und Katie Proctor

Selten geht ein Film so nahe wie Ken Loachs neuster Streich “Sorry, we missed you” der einen nach etwas mehr als eineinhalb Stunden desillusioniert und ratlos zurücklässt. Der britische sozialistische Regisseur zeigt das harte Leben der neuen Arbeiter*innenklasse in England: Null-Stunden-Verträge, ein ausgehöhltes Sozial- und Gesundheitssystem und die “Fuck you”-Attitüde der Firmen, die ihre eigene Verantwortung auf ihre Arbeiter*innen abstreifen.

Loachs Kamera begleitet den seit der Wirtschaftskrise stark verschuldeten Rick (Kris Hitchen) und die mobile Pflegerin Abbie Turner (Debbie Honeywood) sowie ihre beiden Kinder Lisa-Jane (Katie Proctor) und Seb (Rhys Stone) beim Versuch, durch eine Anstellung des Vaters beim Paketdienst Parcels Delivered Fast, wieder über die Runden zu kommen und sich die horrende Miete für ihre Wohnung im nordenglischen Newcastle zu leisten. Den Laienschauspielern gelingt es, ebenso lebensnahe wie dramatische Szenen zu schaffen, die viele von uns nur zu gut selbst kennen.

Rick, voll motiviert, ein neues Leben nach der Wirtschaftskrise mit Blick auf ein eigenes Haus zu starten, erfährt beim Einstellungsgespräch von seinem neuen Leben als “selbständiger Franchisenehmer” im Lieferdienst. Keine festen Arbeitszeiten, sein eigener Boss zu sein und mehr Geld zu machen, auch wenn dadurch Sicherheiten wegfallen – Rick stimmt diesem verlockenden Angebot umgehend zu. Kein Wunder, die Aussichten auf eine andere Anstellung nach der Wirtschaftskrise sind besonders für Rick, der keine höhere Ausbildung genießen konnte, quasi nicht vorhanden.

Ähnlich ergeht es Ricks Frau Abbie, die als mobile Altenpflegerin ihre Kund*innen per Bus besucht und pro Besuch bezahlt wird – ein Zero Hour Contract, wie ihn über eine Million anderer Brit*innen aus dem eigenen Leben kennen. Besonders seit der Wirtschaftskrise, hat sich die Anzahl solcher Anstellungen in Großbritannien versechsfacht und ist  vor allem unter jungen und über 65-jährigen verbreitet. Busverspätungen, Unfälle und Schwierigkeiten sind dabei im Plan des Vermittlungsunternehmens nicht vorgesehen. So ist Abbie, wie ihr Mann, von früh bis spät unterwegs. Eine einsame ältere Frau, die Abbie regelmäßig besucht und, wie sich herausstellt, Zeit ihres Lebens Gewerkschafterin war, ist von den Arbeitsbedingungen der schönen neuen Welt entsetzt – keine Rede mehr vom 8-Stunden-Tag, keine Rede mehr von Organisierung, Streiks oder irgendwelchen Rechten für Abbie und Rick. Abbies und Ricks Kinder, die noch zur Schule gehen und die Last der Arbeit ihrer Eltern direkt zu spüren bekommen, sehen ihre Eltern kaum noch. Rick und Abbie aber sehen kein Entkommen aus dem Teufelskreis – je mehr sie arbeiten, desto mehr kostspielige Schwierigkeiten plagen die Familie. Die beiden arbeiten bis zum Umfallen, ein Entkommen scheint mehr und mehr unmöglich.

Während Rick immer mehr zum Einzelkämpfer wird, der sein – die Sekunden gnadenlos zählendes – Scangerät und alle andere Paketfahrer*innen gegen sich hat, scheint jede Perspektive auf Organisierung oder Klassenbewusstsein begraben. Einzelne Widerständige, wie Abbie, die nicht dabei zusehen mag, wie ihre Arbeitsverträge keinen Platz mehr für Menschlichkeit lassen und Rick Pfund für Pfund, Penny für Penny, von seinem Vorgesetzten Maloney ausgequetscht wird, sind dabei genauso machtlos wie ihre beiden Kinder, die nicht dabei zusehen möchten, wie ihr eigenes Leben in ähnlich elende Zustände wie das ihrer Eltern schlittert. Überhaupt macht der Film deutlich, wie verlogen das Ideal der bürgerlichen Familie für Arbeiter*innen wie Rick und Abbie wird: Während die Kinder ohne Perspektive auf ein besseres Leben aufwachsen werden sie vom Schulsystem, das auf die sorgenden Eltern vertraut, alleine gelassen. Abbie und Rick müssen ihre Kinder andererseits im Stich lassen, um für das Lebensnotwendigste zu sorgen. 

Sorry, we missed you wirkt wie dystopisches Science-Fiction, ist aber im Vereinigten Königreich harte Realität, die dort über 4 Millionen Arbeiter*innen trifft und auch in Kontinentaleuropa mehr und mehr zum Alltag wird. Sorry, we missed you zeigt das Leben vier Millionen Briten und Britinnen – stellt nicht ein einzelnes Schicksal in den Vordergrund, sondern das all jener, die in ähnlichen Jobs gefangen sind. Erschaudernd realistisch hat Ken Loach sich den Fall eines britischen DPD-Lieferanten zur Vorlage genommen, der trotz nötiger Krankenhaus-Aufenthalte aufgrund des enormen Drucks zur Arbeit ging, kollabierte und mit 53 verstarb. Aber auch das ist, wie viele ähnliche Geschichten belegen, kein Einzelschicksal.

Die neuen technischen Möglichkeiten, die Plattformen wie Uber, Amazon oder Mjam mit sich bringen, erlauben Fortschritt für uns als Menschheit, schnellere und einfachere Dienstleistungen. Aus Sorry, we missed you sollten wir nicht ableiten, auf technische Errungenschaften zu verzichten und die verbreitete Technikskepsis weiter anfachen. Aber wir sollten, und dazu regt der Film an, die Frage laut machen, wem der technische Fortschritt heute eigentlich dient und zu welchen Zwecken, und für wen er da sein sollte. Überwachung, Kontrolle, Ausbeutung sollten wir dabei einen Riegel vorschieben und vermeiden, hart erkämpfte Arbeitsrechte zunichte zu machen, anstatt die Lebensqualität aller zu verbessern. Dafür braucht es eine Linke, die Arbeitsbedingungen wie sie Abbie und Rick am eigenen Leib spüren müssen, nicht durchgehen lässt und sich für den technischen Fortschritt im Sinne eines besseren Lebens und besserer Arbeitsbedingungen anstatt härteren Konkurrenzdrucks einsetzt.

LINKS:

 – Trailer
 – Streambar auf Google Play und Youtube (3,99€) 
 – The Guardian über Loachs filmisches Vorbild Don Lane
 – 
Buzzfeed über die Arbeitsbedingungen bei AmazonFlex in den USA