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RUPAUL’S DRAG RACE

ECKDATEN:

12 Staffeln seit 2009
Ableger in verschiedenen Ländern (laufend: RuPaul’s Drag Race UK)
Mit:  RuPaul, Michelle Visage, Santino Rice, Ross Matthews, Carson Kressley etc.

In der US-amerikanischen Reality Show RuPaul’s Drag Race macht sich Drag-Superstar RuPaul, begleitet von einer wechselnden Jury, auf die Suche nach „America’s next drag superstar“. In mittlerweile 12 Staffeln werden Dragqueens aus den ganzen USA eingeladen, um ihr Talent zu beweisen. In jeder Folge werden „Charisma, Uniqueness, Nerve and Talent“ der Kandidat*innen auf die Probe gestellt, sowie Gewinner*in und Verlierer*in der Challenges, die den Kandidat*innen gestellt werden, ernannt. Die Jury nimmt sämtliche kreative Fähigkeiten unter die Lupe: von Modedesign und Make-Up über Schauspielerei, Comedy, Gesang und Tanz. Doch all diese Fähigkeiten bringen den Kandidat*innen wenig, wenn sie nicht dem Druck der Wettbewerbssituation und der Jury standhalten. Zu gewinnen gibt es viel: Neben einem lebenslänglichen Make-up-Vorrat und einem beträchtlichen Preisgeld für die Künstler*innen, verschafft allein die Präsenz in der Show vielen Dragqueens eine wachsende Prominenz.

Nicht nur die schrillen Kulissen und Outfits oder die Performances machen die Show aus, auch die Momente abseits der Bühne, wenn sich die Kandidat*innen den Vorbereitungen ihrer Challenges widmen, sorgen für ihren Charme. Besonders hier lernt man die Menschen hinter den Masken kennen: Dabei geht es um Lebens- und Leidensgeschichten der einzelnen Persönlichkeiten, nicht selten im Hinblick auf das Aufwachsen in xenophoben bis hin zu gewalttätigen Umgebungen. Genauso kann man die Entstehung von Freundschaften und Liebesbeziehungen beobachten, und allem voran: bissigen Schmäh.

Die Show hat Pionier-Charakter: RuPaul lässt erstmalig Dragqueens gegeneinander antreten. Als Dragqueen gilt prinzipiell ein Mann, der auf überspitzte Art und Weise Frauen darstellt, meistens zum Zweck des Entertainment und der Performance. Mittlerweile kann diese Erklärung als verkürzt gesehen werden, sagt doch selbst RuPaul: “I do not impersonate females! How many women do you know who wear seven-inch heels, four-foot wigs, and skintight dresses?“ Sondern: „I don’t dress like a woman, I dress like a drag queen!“. Die Drag-Kultur ist inzwischen sehr vielfältig, es gibt Drag-Künstler*innen verschiedenen Geschlechts und mit verschiedenen künstlerischen Motiven (so gibt es auch Dragkings – also Frauen, die in männliche Rollen schlüpfen). Zentral für Drag ist das Aufs-Korn-Nehmen von Rollenbildern, indem aufgezeigt wird, wie unnatürlich und einschränkend diese sind, und wie leicht sie überschritten werden können. Das kann Festgefahrene schnell verunsichern und das ist auch gut so. Drag ist dabei nicht homosexuellen Männern vorbehalten, ist aber stark in der LGBTQ-Community verankert.

“Spilling The Tea”:
Neben dem Lingo der Serie (z.B. “choices”, “throwing shade”, “sashay away”) tauchen mittlerweile in der Popkultur auch die Queens selber auf, die bisher in Musikvideos von Iggy Azalea oder in Filmen (A Star is Born) mitspielten. Außerdem wächst die Zahl an Spin-Offs sowie der lokalen Adaptionen der Show (von England bis Australien).Vor diesem Hintergrund, aber auch wenn man das Dasein der Dragqueens als Influencer*innen mit Millionenen von Followern betrachtet, wird die Rolle der Show bei der Geburt neuer Stars deutlich, und damit ihre Einbettung in die kapitalistische Kulturindustrie. 

Innerhalb von elf Jahren hat RuPaul’s Drag Race flächendeckend an Popularität gewonnen, und ermöglichte es RuPaul weiterzuführen, was seiner Person auch schon Ende der 80er und Anfang der 90er zugeschrieben wurde: Drag über die LGBTQ-Community hinaus ein Stück weit in den Mainstream zu bringen. RuPaul galt schon vor dem Drag Race als die bekannteste Dragqueen weltweit, die als erste auch anerkanntes Supermodel wurde, Musik machte und eine eigene Talk-Show hatte.

Dem Auftauchen RuPauls auf dem Horizont der Popkultur gehen Jahrzehnte der Umbrüche in der LGBTQ-Community voraus. Während des Kalten Krieges in den 50ern und 60ern wurde Homophobie in den USA strukturell verfestigt, etwa durch Gesetze zu “Sodomie”, Überwachung durch das FBI, sowie Beschäftigungsverbote. Im Rahmen des Civil Rights Movements kam es schließlich auch zu Protesten von Schwulen, Lesben und Transgender-Personen, darunter der prominente Stonewall-Aufstand 1969 gegen die Repressionen der New Yorker Polizei. Das Aufbrechen der vorherrschenden Familienstrukturen hatte das Ausleben von Homosexualität für viele junge Amerikaner*innen möglich gemacht, wie es etwa John D’Emilio in seinem Text “Capitalism and Gay Identity” beschreibt. Die gleichzeitige Zuspitzung von Selbstausbeutung und Industriearbeit machte für die Aktivist*innen aus der Zeit der Stonewall Riots gleichzeitig klar: Gay Liberation, im Sinne eines von Unterdrückung befreiten Lebens, kann es nur mit der Überwindung des Kapitalismus geben. Eine Erkenntnis, die, wie wir heute wissen, bald vom alleinigen Streben nach Sichtbarkeit und gleichen Rechten abgelöst wurde.

Von diesen radikalen Ursprüngen hat sich die politische Perspektive von RuPaul’s Drag Race freilich ebenso weit entfernt, wie es die LGBTQ-Community als Ganzes getan hat. Das Drag Race erzählt dabei sympathische Aufsteiger*innengeschichten und zeigt, dass auch Drag Queens und Kings im Kapitalismus ganz oben ankommen können. Nicht vergessen sollten wir dabei aber auch, dass die Serie 12 Staffeln ein der Popkultur bisher fremdes, differenziertes Bild von Männlichkeit zeichnet und uns durch die überspitzte Darstellung von Geschlechterrollen gewissermaßen einen Spiegel vorhält. Die politische Perspektive von RuPaul’s Drag Race ist begrenzt. Das Zusehen macht aber einfach sehr viel Spaß und ist eine lockere und viel menschlicher anmutende Alternative zu anderen Casting Shows, an die wir uns nur mit Grauen erinnern.

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