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Roxanne, Roxanne: Wunderkind und Überlebenskünstlerin

ECKDATEN:

 – Produktion: Roxanne Shanté, Forest Whitaker, Pharrell Williams
 – Regie: Michael Larnell
 – Mit: Chante Adams, Mahershala Ali, Nia Long

Der Film Roxanne, Roxanne (2017) basiert auf der Biographie der Rap-Queen Lolita Shante Gooden alias Roxanne Shanté. Er erzählt die Kinder- und Jugendjahre des Wunderkindes in Queens, New York, während der 70er und 80er Jahre.

Die 1969 geborene Shante lebt gemeinsam mit ihren Schwestern und ihrer Mutter im größten sozialen Wohnprojekt der USA: der Queensbridge Wohnsiedlung. Schon als junges Mädchen wird Shanté ihren Gegnern in Rap-Battles als Queensbridge Champion vorgestellt, und kann damit für finanziellen Zuschuss für ihre Familie sorgen. Ihr Talent bewahrt das Mädchen jedoch nicht vor den Problemen ihrer Zeit: Shanté und ihre Freund*innen wachsen in den Straßen auf, die von allen Krisen der damaligen Zeit am härtesten getroffen werden (Haushaltskrise der Stadt New York ab 1975; Crack-Epidemie ab Anfang der 1980er). Aufgrund erschütternder Vertrauensbrüche von Männern an der Familie, verbleiben die Mädchen an der Seite ihrer Mutter früh mit einem stark negativen Männerbild. Und so widerstandsfähig die Frauen doch sind und zusammenhalten, müssen die Erfahrungen die Familie schwer belasten, und treiben schlussendlich einen Keil zwischen sie.

Von den Straßen in die Wohnzimmer

Hip-Hop und Rap bieten eine gewaltfreie Alternativbeschäftigung zu dem Treiben auf der Straße, wie schon am Anfang des Films klar wird: “Remember this is hip-hop: breaking, MC-ing, graffiti and DJ-ing. Why do we do it? Peace, love, unity and to safely have fun, all right?”
Unerwartet landet Shanté mit nur 14 Jahren über Nacht in den Radio-Charts. Genauso schnell wie der Song “Roxanne’s Revenge“ aufgenommen war (sie freestylte den gesamten Song in nur einem Take in sieben Minuten), beginnt sich ihre Karriere über die Queensbridge Wohnsiedlung hinaus zu bewegen. Als Teil der Hip-Hop Gruppe Juice Crew stellt sich der Teenager ansonsten völlig allein der männerdominierten Musikwelt. Während sie als älteste Tochter bereits früh große Verantwortung für ihre Schwestern übernehmen musste, war das Eintreten in das Musikbusiness mit 14 ein weiterer verfrühter Sprung in die Selbstständigkeit. Dieser blieb nicht ohne Preis, denn so mancher nutzte das junge Alter der Rap-Queen aus, und noch bevor sie das Teenager-Alter überwunden hat, steht sie vor den wohl schwierigsten Entscheidungen ihres Lebens.

Aus der Sozialwohnsiedlung

Abgesehen von einem Spielfilm über Shantés Jugend ist der Film ein Zeitdokument – Hip Hop entsteht ab 1973 im stark krisengeprägten New York City. Die heruntergekommenen Queensbridge Projects allein sind ein Hinweis auf den Zustand der Stadt, die großflächig in schwarz und weiß, arm und reich aufgeteilt ist. Grund dafür war das sogenannte „Redlining“ im Zuge des „National Housing Acts“, womit die  Regierung in Washington noch 1934 begonnen hat Bezirke, Städte und Gemeinden in investitions- und nicht-investitionswürdige Nachbarschaften zu unterteilen. Mit dem Buchstaben „A“ markierte man eine rein weiße Nachbarschaft, die erstrebenswert für die Mittelklasse war. Stadtteile mit niedrigerem Status als „A“ wurden gezielt benachteiligt. Es kam zur Verwahrlosung ganzer Bezirke, mit einer Mehrheit an schwarzen und Latino-Bewohner*innen.

Gleichzeitig wurde, als Antwort auf die Wirtschaftskrise der 30er, der sogenannten “Great Depression”, der städtische öffentliche Wohnbau vorangetrieben, was hauptsächlich der weißen Bevölkerung zugute kam. Mit dem Bau sozialer Wohnprojekte sollte leistbares Wohnen ermöglicht und Jobs geschaffen werden. Die Wohnhäuser jedoch waren nur an eine säuberlich ausgewählte Gruppe von Personen gerichtet, die selbst während der Großen Depression nicht auf staatliche Sozialhilfen angewiesen war. Dies änderte sich mit den 1950ern, als die etwas betuchteren Familien in eigene Mittelklasse-Häuser übersiedelt wurden, und hauptsächlich Latinos und schwarze Familien nachzogen. Von der Infrastruktur und den Standards der Queensbridge Wohnhäuser – den kulturellen Einrichtungen, Spielplätzen und zuverlässigen Hausbesorgern – von 1939 ist in der Zeit des Stadtbankrotts der 1970er nur noch wenig übrig. Dies sieht man bereits in den ersten Szenen des Films, wenn Roxannes kleine Schwester mit anderen Kindern statt eines Spielplatzes auf alten Matratzen spielt.

Was von der Krise blieb…

Abgesehen von der gezielten Verwahrlosung bestimmter Bezirke beutelte ab 1975 die Wirtschaftskrise die Stadt New York City. Der Bankrott der Stadt wurde vonseiten des republikanischen Präsidenten als notwendige Folge der hohen Sozialausgaben vermittelt – die Konsequenz war da schon absehbar. Der Neoliberalismus war auf dem Vormarsch, die Arbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit stieg, und Staatsausgaben wurden kräftig gekürzt. Anfang der 1980er Jahre suchte außerdem der vermehrte Drogenhandel und Konsum von Crack weite Stadtteile heim, die Droge war ein Weg den Schmerz der sozialen Misere zu betäuben oder mit dem Handel etwas Geld zu verdienen. Der „War on Drugs” begann: 1986 und 1988 wurden „Anti-Drug Abuse Acts“ erlassen, die die Verschärfung von Strafen bei Besitz von Crack bedeuteten. Die Folge war die Masseninhaftierung von vor allem schwarzen Männern. Diese Maßnahmen steigerten die Inhaftierungsraten der USA auf ein 5-faches, und machen bis heute die USA zu dem Land mit den höchsten Inhaftierungszahlen.
Die Hip-Hop Pioniere von Grandmaster Flash & the Furious Five rappen 1982 in ihrem Song „The Message“ zusammenfassend:

„You’ll grow in the ghetto living second-rate
And your eyes will sing a song called deep hate
The places you play and where you stay
Looks like one great big alleyway
You’ll admire all the number-book takers
Thugs, pimps and pushers and the big money-makers
Driving big cars, spending twenties and tens
And you’ll wanna grow up to be just like them, huh
Smugglers, scramblers, burglars, gamblers
Pickpocket peddlers, even panhandlers
You say ‚I’m cool, huh, I’m no fool.‘
But then you wind up dropping outta high school
Now you’re unemployed, all null and void
Walking ‚round like you’re Pretty Boy Floyd
Turned stick-up kid, but look what you done did
Got sent up for a eight-year bid.“

Roxanne, Roxanne fordert dazu auf, sich mit der Geschichte und Gegenwart des Rassismus und der gezielten sozialen Verwahrlosung der Unterschichten auseinanderzusetzen. Neben Rhymes und Beats bietet der Film also einen lebhaften Einblick in das damalige New York.

LINKS:

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