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Murer – Anatomie eines Prozesses

ECKDATEN:

 – Dauer: 137 Minuten
 – Drehbuch und Regie: Christian Frosch
 – mit: Inge Maux, Karl Fischer, Alexander E. Fennon
– Erscheinungsjahr: 2018

1963 – Franz Murer steht in Graz vor Gericht. Murer, unter seinen vermeintlichen Opfern auch bekannt als „der Schlächter von Wilna“, war von 1941 bis 1943 Leiter des Ghettos in Vilnius, der heutigen Hauptstadt Litauens, und ihm wird zur Last gelegt, dort unzählige Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung begangen zu haben. Zu seinem Prozess reisen dutzende Holocaust-Überlebende an, um gegen ihn auszusagen und ihn seiner gerechten Strafe zuzuführen. Trotz andauernder Schikane und Verunsicherung gegenüber den jüdischen Zeugen, ist die Beweislast erdrückend. Doch neben den Überlebenden seiner Gräueltaten, die gegen ihn aussagen, findet sich auch eine Vielzahl an ehemaligen Kameraden oder Bekannten Murers – manche selbst mit einschlägiger Vergangenheit – ein, um sich für ihn einzusetzen. Murer wird letztendlich von den Geschworenen freigesprochen und sein Prozess zu einem der größten Justizskandale Österreichs. Der Gerichtsprozess ist bezeichnend für den Umgang Österreichs mit seiner Vergangenheit. 

Franz Murer war ein wahres Schaubild für den österreichischen Nationalsozialisten. Er wurde im Jänner 1912, als Sohn eines Landwirtes in der Steiermark geboren. Er machte eine Ausbildung auf einer Landwirtschaftsschule und wurde kurze Zeit später durch Kontakte zum Gutsverwalter eines Gutes in Kleinmutschen. Dort begann er auch Kontakt zu Nationalsozialisten zu knüpfen und trat schließlich 1938 der NSDAP bei. Ab diesem Zeitpunkt legte der steirische Bauernsohn eine rasante Karriere hin: Er absolvierte eine Ausbildung an der Ordensburg Krössinsee und wurde schließlich im Jahr 1941 nach Vilnius beordert, wo er bis 1943 als stellvertretender Gebietskommissar für „Judenangelegenheiten“ zuständig war. In Vilnius, welches damals auch als Jerusalem des Nordens galt, lebten knapp 80.000 Jüdinnen und Juden. Nach Murers Abreise waren gerade einmal 600 von ihnen übrig. Viele von ihnen starben im nahegelegenen Ort Ponar, wo die Nationalsozialisten unter maßgeblicher Leitung Murers Massenerschießungen an über 100.000 Menschen durchführten, darunter Jüdinnen und Juden, sowjetische Kriegsgefangene sowie litauische und polnische politische Häftlinge. 

In der Moskauer Deklaration, in der noch während des Krieges festgelegt wurde, wie die Bestrafung von Kriegsverbrechern nach dem Krieg vonstatten gehen sollte beschloss man, dass deutsche Täter in die Länder ausgeliefert werden sollten, in denen sie Verbrechen begangen hatten. Auf dieser Grundlage wurde Murer 1948 von Österreich in die Sowjetunion überstellt und wegen Mordes an 5000 Jüdinnen und Juden zu 25 Jahren Strafarbeit verurteilt, von welchen er jedoch nur 6 verbüßte, bevor er gemäß des österreichischen Staatsvertrages von 1955 wieder nach Österreich kam. Dort passierte lange Jahre nichts und Murer lebte ungestört auf seinem Hof in der Steiermark bis er eines Tages rein zufällig von Simon Wiesenthal, dem berüchtigten „Nazi-Jäger“, dort gefunden wurde. Wiesenthal war es auch, der einen erneuten Prozess in Österreich anstrebte und diesen anschließend erfolgreich initiierte. 

Regisseur und Drehbuchautor Christian Fischer betont, den Film nicht historisch, sondern politisch zu betrachten: er wolle weniger die Verbrechen des NS-Regimes nacherzählen, sondern zeigen, wie sich die verschiedenen Gruppen Täter, Opfer und Zusehende in der Republik Österreich darstellten und weiter darstellen. Bezeichnend hierfür ist auch die Darstellung des Systems, in dem ein Täter trotz erdrückender Beweislast und trotz Anwesenheit seiner Opfer freigesprochen wird, weil das System selbst aus Personen besteht, welche sich nie ihrer Vergangenheit stellen mussten.  

Die  thematische Aufarbeitung des Films ist gelungen und regt zum Nachdenken darüber an, wie einfach es in Österreich möglich war, sich von jeglicher Schuld freizumachen. Die schauspielerische Leistung der Besetzung überzeugt leider nicht durchgehend, einige sehr gelungene Szenen kompensieren das jedoch. Alles in allem ist der Film seine 137 Minuten auf alle Fälle wert!

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