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Die Reisen des jungen Che – Ein Kontinent im Umbruch

ECKDATEN:

 – Dauer: 126 Minuten
 – 2004 erschienen
 – Regie: Walter Salles
 – mit: Gael Garcia Bernal und Rodrigo de la Serna

Noch ist die Zukunft des späteren Guerilla-Kämpfers und Revolutionsführers „Che“ Guevara nicht zu erahnen. Er ist Ernesto Guevara de la Serna, 24-jähriger Medizin-Student aus gut behütetem bürgerlichem Haus in Buenos Aires. Zwar kommt Ernesto schon während seines Studiums mit marxistischer Literatur und Politik in Kontakt, doch erst das Reisen und das hautnahe Erleben der Verelendung und Ausbeutung der indigenen Bevölkerung in Lateinamerika prägen das Empfinden und Denken des jungen Ernestos nachhaltig. Gemeinsam mit dem lockeren und sechs Jahre älteren Biochemiker Alberto Granado macht sich Ernesto 1953 auf eine monatelange Reise durch Südamerika. Der Film “Die Reise des jungen Che” begleitet sie dabei.

Auf der „Allmächtigen“, einem windigen Motorrad, geht es quer über den Kontinent: in den Süden nach Patagonien, weiter nach Chile und über die Anden in den Norden nach Peru, wo sie eine Zeit lang auf einer Lepra-Krankenstation aushelfen, bis nach Venezuela. Mit kaum Geld in der Tasche müssen sich die beiden übermütigen Studenten auf die Gunst von Bauern und lokalen Bewohner*innen verlassen, um Schlafplätze oder Nahrung zu bekommen. Das Abenteurer-Duo ergänzt sich gut: mit Albertos Charme und prahlendem Gerede und Ernestos Sinn für Gerechtigkeit und der Bereitschaft, jede*n der/die auf ihn zukommt medizinisch zu untersuchen, gelangen sie an Motorrad-Reparaturen, Schlafplätze und hitzige Tanzabende.

Der 2004 erschienene argentinische Spielfilm beruht auf den Reisetagebüchern des jungen Che und ist sich nicht zu schade, diese lustig und unterhaltsam zu verwandeln. Neben den Landschaftsbildern und den Szenen von Reisestrapazen, gehen die Sequenzen, die einen Einblick in die Lebensbedingungen der indigenen Bevölkerung liefern oder Dialoge mit ihnen wiedergeben, jedoch eher unter. Doch Ernestos zunehmendes Verständnis für die soziale Stellung der indigenen Bevölkerung, das sich schnell in Wut umwandelt, wird immer deutlicher. In Chile wandern Ernesto und Alberto zur Chuquicamata Mine, wo sie auf ein Paar treffen, dass, von ihrem Land beraubt und als Kommunist*innen verachtet, ihren Sohn im Stich lassen musste und sich nun um Arbeit in der gefährlichen Mine bemüht. Nach einem Besuch in der ehemaligen Inka-Hauptstadt Cusco, unterhalten sie sich mit einem Campesino, einem Landarbeiter der sich ebenfalls konstant auf der Suche nach Arbeit befindet, nachdem ihn ein Großgrundbesitzer mitsamt der Polizei von seinem eigenen Feld verjagt hatte. Den im Regen stehen gelassenen Bauern bleibt vor allem eins: die Organisierung untereinander.

Die Schicksale, die der Film hier vorstellt, stehen stellvertretend für die Millionen von Kleinbäuer*innen, die ihre Lebensgrundlage im Zuge von nach dem zweiten Weltkrieg einsetzenden Enteignungen von Land durch Großgrundbesitzer verloren haben. Statt sich die Nahrungsmittel für den eigenen Lebensunterhalt anzubauen, mussten sie um die wenigen Jobs in der sich industrialisierenden Landwirtschaft flehen, die Nahrungsmittel und Rohstoffe für die Industrieprodukte am westlichen Weltmarkt herstellt. Für ein Ende dieser sozialen Misere beginnt Che später – wie viele andere Revolutionsbewegungen am Kontinent – zu kämpfen.

Der Film zeigt den Anfang von Ernesto „Che“ Guevaras politischer Radikalisierung: genauso wie er auf die Armut auf der Reise reagiert, wenn er Bauern sein letztes Geld gibt und den überheblichen Regeln der Missions-Schwestern auf der Lepra-Station den Mittelfinger zeigt, so kämpft er später für die Befreiung Kubas von Diktator Batista: kompromisslos, indem er alles gibt. Regisseur Salles zeigt aber nicht nur ein gelungenes Personenportrait, sondern macht nachvollziehbar, wieso es zu einer Reihe von Guerillakämpfen und Revolutionen in den folgenden Jahren am Subkontinent kam und warum die USA beginnen musste, durch militärische Interventionen die Profitraten westlicher Konzerne zu schützen.

LINKS:

 – Streambar auf Netflix
 – Kurzer Aufriss der sozialen Geschichte Südamerikas der deutschen Bundeszentrale für Politische Bildung