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Der Staat gegen Fritz Bauer – Ein Held gegen das Vergessen

ECKDATEN:

 – Regie: Lars Kraume
 – mit: Burghart Klaußner, Ronald Zehrfeld und Lilith Stangenberg

Der 2015 erschienene deutsche Spielfilm “Der Staat gegen Fritz Bauer” begleitet den namensgebenden Staatsanwalt Fritz Bauer bei seiner Jagd auf Adolf Eichmann Ende der 50er Jahre.

Im Nachkriegsdeutschland der 50er hat es sich der unverbesserliche Sozialist Fritz Bauer als hessischer Generalstaatsanwalt zum Auftrag gemacht, untergetauchte oder geflohene ehemalige ranghohe Nationalsozialisten ausfindig zu machen und vor Gericht zu stellen. Als Bauer über einen jüdischen Flüchtling in Argentinien erfährt, dass sich Adolf Eichmann, einer der zentralen Architekten des Holocaust, unter falschem Namen in Buenos Aires befindet, wittert er seine Chance einen der größten Verbrecher des 20. Jahrhunderts aufzuspüren und vor Gericht zu stellen. Dabei muss Bauer jedoch gegen jeden erdenklichen Widerstand aus den eigenen Reihen kämpfen. Maßgebliche Institutionen Nachkriegsdeutschlands, wie das Bundeskriminalamt und der Bundesnachrichtendienst, sind voll von ehemaligen SS-Angehörigen und überzeugten Nationalsozialisten, die Bauer um jeden Preis an der Ergreifung ihrer ehemaligen “Kameraden” hindern wollen. Auch die Bevölkerung steht einer lückenlosen juristischen Verfolgung ehemaliger Naziverbrecher alles andere als positiv gegenüber. So erhält Bauer regelmäßig Morddrohungen und antisemitische Briefe, und muss zu seinem Selbstschutz eine Waffe bei sich tragen. Doch Bauer lässt sich nicht unterkriegen und verfolgt mit großem Eifer und allen Widerständen zum Trotz seine Fährte zu Eichmann.

Abseits einiger kreativer Freiheiten, die sich der Regisseur Lars Kraume erlaubt, schildert “Der Staat gegen Fritz Bauer” wahrheitsgetreu den Kampf Bauers um Gerechtigkeit und den Unwillen der deutschen Bevölkerung und Justiz der Nachkriegszeit, die Verbrechen des Nationalsozialismus konsequent zu ahnden. Dabei spielte die personelle Besetzung der hierfür zuständigen Institutionen einen zentrale Rolle. Sogar noch 1959 bestand das westdeutsche Bundeskriminalamt zu zwei Dritteln aus ehemaligen ranghohen SS-Angehörigen und zu drei Vierteln aus ehemaligen NSDAP-Parteimitgliedern. Diese hatten, teils aus purer Überzeugung, und teils aus Angst selbst vor Gericht zu landen, keinerlei Interesse an der Ausforschung und Aufklärung deutscher Verbrechen während der NS-Zeit. Folgerichtig betrachteten sie Personen wie Bauer mit äußerstem Argwohn. Nicht umsonst sagte dieser einmal: “Wenn ich mein Büro verlasse, betrete ich Feindesland”. Doch auch die deutsche Bevölkerung hätte am liebsten für immer den Mantel des Schweigens über die Jahre zwischen 1933 und 1945 gelegt, hatten doch die meisten Väter noch selbst als Wehrmachtssoldaten an der Front gestanden und zumindest stellenweise an Kriegsverbrechen mitgewirkt. Im Gegensatz zum filmischen Fritz Bauer, wurde der echte Fritz Bauer daher des anhaltenden Kampfes immer müder und zunehmend desillusioniert angesichts der Übermacht im Staatsdienst und der opportunen Haltung ehemaliger Verbündeter. Trotzdem gelang es Bauer, in den Jahren vor seinem Tod durch akribische Arbeit die bahnbrechenden Auschwitzprozesse zu ermöglichen und das Personal des gleichnamigen Konzentrationslagers vor Gericht zu stellen. Letztendlich ist es nicht verwunderlich, dass selbst der Tod Bauers 1968, welcher unmittelbar als Suizid abgetan wurde, nie offiziell geklärt wurde. 

Doch auch hierzulande war die Situation nicht wesentlich anders. Auch in Österreich nahmen nach Ende des Zweiten Weltkrieges zahlreiche NSDAP Funktionäre und Bürokraten einfach wieder Positionen in Politik, Verwaltung und dem Staatsdienst an. Darüber hinaus wurde schon kurz nach Ende des zweiten Weltkrieges der unsägliche Opfermythos konstruiert, wonach Österreich und seine Bevölkerung lediglich Opfer von Hitlers Expansionspolitik waren und gegen ihren Willen an Deutschland angeschlossen wurden. Zum Glück gab es Personen, die das Stillschweigen über die österreichische Vergangenheit nicht einfach hinnehmen wollten und konnten. Allen voran der KZ-Überlebende und Schriftsteller Simon Wiesenthal, der zahlreiche “Ehemalige” in Österreich enttarnte und mitunter erfolgreich vor Gericht brachte. Doch wie Bauer musste auch Wiesenthal dabei große Widerstände aus den Institutionen und der Bevölkerung überwinden. 

Erst durch immer wieder aufgedeckte Affären und Prozesse gelang es unermüdlichen Vorkämpfer*innen wie Bauer und Wiesenthal, dem bewussten Verdrängen der NS-Zeit einen Riegel vorzuschieben. Auch wenn sich die Situation seit den Nachkriegsjahren verbessert hat, und zahlreiche wichtige Schritte wie die Wehrmachtsausstellung Ende der 90er Jahre gesetzt wurden, liegt es an jeder neuen Generation, dem Vergessen und Relativieren der dunkelsten Stunden unserer Vergangenheit etwas entgegenzusetzen. Ob nun das Putzen von Stolpersteinen und Gedenk-Spaziergänge in zahlreichen österreichischen Städten, oder das entschiedene Kämpfen gegen menschenfeindliche Abschiebungen, all diese Maßnahmen tragen dazu bei, den Geist des “Nie Wieder” am Leben zu erhalten. Auch wenn das nicht immer einfach ist und viel Mut und Entschlossenheit fordert, lohnt sich der unnachgiebige Kampf für Gerechtigkeit und Fortschritt allen Widerständen zum Trotz, wie uns das Beispiel Fritz Bauers und zeigt. Nicht zufällig entschied sich Regisseur Lars Kraume dazu, gerade einen Film über Bauer zu machen: In seinem konsequenten Kampf für Gerechtigkeit verkörperte dieser schließlich den klassischen Helden besser, als es je ein fiktionaler Drehbuch-Charakter hätte tun können. 

** FILE ** Unser undatiertes AP-Foto zeigt Fritz Bauer mit Zigarre. (AP-Photo) Als Jude mit SPD-Parteibuch geriet der gebürtige Stuttgarter doppelt ins Fadenkreuz der Nazis. 1935 floh er deswegen nach Kopenhagen. 1949 kehrte Bauer in seine alte Heimat zurück und machte sich an sein Lebenswerk - die Täter des Holocaust zu finden und vor Gericht zu stellen.

Fritz Bauer
(1903 – 1968)

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