fbpx

Das Damengambit: Spiel mit der Sucht

ECKDATEN:

 – Mini-Serie mit 7 Folgen nach Roman von Walter Tevis
 – Regie & Drehbuch: Scott Frank
 – Mit: Anya Taylor-Joy

Es ist 1958. Nach einem tragischen Autounfall in Kentucky wird Elizabeth Harmon, genannt “Beth”, in einem lokalen Waisenheim aufgenommen. Traumatisiert durch den Verlust ihrer Mutter verbringt Beth die folgenden Jahre im Einklang mit dem durchgetakteten Tagesablauf des Heims. Als sie durch Zufall im Keller der Erziehungseinrichtung auf den Hausmeister Mr. Shaibel trifft, öffnet er ihr den Weg in die Welt des Schachs. Beth (gespielt von Anya Taylor-Joy) lernt schnell. Unterstützt durch die bewusstseinserweiternde Wirkung von Librium, das an die Waisen im Heim ausgegeben wird, prägt sich Beth Abend für Abend Schachpartien im Kopf ein. Doch der übermäßige Medikamentenkonsum wird rasch zu Beths Rückgrat im Schachspiel.

Schach und matt
Als sie entdeckt, dass sie durch Schachturniere Geld machen kann – Geld, das ihre alleinerziehende Adoptivmutter Alma, dringend braucht – meldet sich Beth, ohne zu zögern, bei ihrem ersten Turnier an. Sie gewinnt scheinbar problemlos eine Partie nach der anderen  und reist mit Alma von Turnier zu Turnier, um ihrem Traum, gegen die übermächtigen sowjetischen Schach-Großmeister zu gewinnen, näher zu kommen. Das Schachbrett wird schnell zum zentralen Motiv der von Netflix-produzierten Mini-Serie – der erfolgreichsten seit dem Bestehen des Streamingdiensts. Das Schwarz-Weiße-Brettmuster zieht sich durch die mit viel Liebe fürs Detail gemachte Serie, die mit fachkundigen Details aus der Schachwelt und akkuraten Set-Designs der 60er Jahre aufwarten kann. Die Serie bricht dabei mit dem Bild des Intellektuellen-Spiels und zeigt eine teils unterfinanzierte, heruntergekommene Schachwelt mit starkem Bezug zur Straße.

Zu ihrem Spiel-Glück entdeckt Beth alsbald, dass ihre Adoptivmutter nach der Trennung beginnt – wie unter vielen Hausfrauen der 60er Jahre üblich – ihren Kummer just mit Alkohol und dem Beruhigungsmittel Librium zu betäuben. Beth kann nicht widerstehen, es ihrer Mutter gleich zu tun. Librium, das in der Serie “Xanzolam” genannt wird, entwickelt sich in den USA der 60er Jahre nach seiner Markteinführung durch das Pharmaunternehmen Hoffmann-La Roche rasch zu einem der meistverkauften Medikamente. Frauen, denen es überwiegend verschrieben wird, verwenden es, um mit der mangelnden Selbstbestimmung über das eigene Leben nach dem Zweiten Weltkrieg klarzukommen. Erziehungseinrichtungen wie Waisenheime nutzen das Mittel zur leichteren Handhabung der jungen Bewohner*innen – für die Aufarbeitung von Traumata ist hier kein Platz. Doch neben Mattheit hat das Medikament auch unerwartete gefährliche Nebenwirkungen.

Bis zur Opioid-Krise
Betäubende Medikamente bleiben auch nach den 60er Jahren ein Massenkonsumprodukt, das einen Umgang mit und eine schnelle und einfache Lösung für Alltagsprobleme bietet, die die Entwicklung des modernen Kapitalismus begleiten, ohne diesen grundlegend hinterfragen zu müssen. Dass das jeweilige Medikament zu Sucht und Überdosen zu schlimmen Folgen führen, bleibt, solange das Geschäft läuft, ohne Konsequenzen. Erst, wenn die Folgen der Medikation für die Gesellschaft nicht mehr haltbar sind, muss das Profitstreben von den Gesundheitsbehörden beschnitten werden. Daran, die damit übertünchten gesellschaftlichen Probleme gleich mitzulösen, werden sie aber wohl kaum denken.

Das zeigt sich auf ähnliche Weise auch an der Opioid-Pandemie, ausgelöst durch das Medikament OxyContin von Purdue Pharma, die in den USA derzeit Tag für Tag Hunderten das Leben kostet. 2017 wurde aufgrund der bis heute ausufernden Opioid-Krise in den USA der nationale Notstand ausgerufen. Besonders in früher industriell geprägten Bundesstaaten, wo die traditionelle Arbeiter*innenklasse um ihre Jobs gekommen ist, verfallen immer mehr den Betäubungsmitteln, die oft von Ärzt*innen für eine breite Palette an Unwohlsein, Schmerzen, etc. verschrieben werden. Die möglichen Nebenwirkungen und das Suchtpotential wurden durch breite Kampagnen der Pharma-Unternehmen lange kleingeredet. Auch wenn sich die Obama- und Trump-Administrationen lange davor gehütet haben, einzugreifen, scheint mittlerweile die Stimmung gegenüber den Pharmafirmen gekippt.

Eine Superheldin
“Das Damengambit” zeigt den steilen Aufstieg von Beth Harmon in der bis dahin den Männern vorbehaltenen Schachwelt. Neben der Superhelden-Geschichte eines Schach-Genies erzählt die Serie auch eine Geschichte des Aufwachsens samt der Schwierigkeiten, die sich Beth dabei in den Weg stellen. Die Serie gibt einen Einblick in die versteckten Hinterzimmer der Alltagsbewältigung, die in Filmen sonst so oft unerwähnt bleiben. Fernab des sonst üblichen Pathos ist das Damengambit auch eine feministische Geschichte eines jungen Mädchens, das sich traut, gleich zu sein, egal ob die Gesellschaft es erlaubt oder nicht. 

Beth, die wegen ihrer tragischen Familiengeschichte auf sich alleine gestellt ist, wurde nicht beigebracht, Beziehungen zu Menschen aufzubauen. Sie klammert sich an die berechenbaren Regelmäßigkeiten des Schachbretts und muss lernen, sich ohne große Hilfe selbst durchs Leben zu schlagen. Nicht zuletzt ist das bei näherer Betrachtung eine klassische “Sei deines eigenen Glückes Schmied”-Geschichte, passend zum aufstrebenden Kapitalismus der 1950er Jahre. Unerwartetes Suchtpotenzial.