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Wie eine Träne im Ozean

Infobox: Manès Sperber: Wie eine Träne im Ozean
Verlag: deutscher taschenbuch verlag, Neuauflage: 2000, 1040 Seiten,
ISBN 978-3-423-12835-3

In Manès Sperbers von 1940 bis 1951 verfassten Roman „Wie eine Träne im Ozean“ begleiten wir zunächst einen Zirkel an führenden kommunistischen Berufsrevolutionär*innen vom Vorabend der nationalsozialistischen Machtergreifung bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Mit der zunehmenden Stalinisierung und dem Versagen der Kommunistischen Partei im Kampf gegen den Faschismus sind die Revolutionär*innen gezwungen, ihr Verhältnis zur Partei zu überdenken oder gar mit ihr zu brechen. Die Hoffnungslosigkeit, die diese politische Heimatlosigkeit in derart finsteren Zeiten bedeutet, spitzt sich schließlich in aussichtslosen Widerstandskämpfen zu, die aber dennoch bis zum Schluss geführt werden: um der Idee einer besseren Gesellschaft ein Denkmal zu setzen.

Sperber ist nicht der einzige, der eine solche Geschichte geschrieben hat. Aus verschiedenen Blickwinkeln haben etwa Peter Weiss mit seiner Ästhetik des Widerstands, Jan Valtin mit seinem Tagebuch der Hölle oder Jura Soyfers Roman So starb eine Partei und viele andere diese Geschichte immer wieder erzählt. Die Besonderheit, die Sperber seinen Figuren beigeben kann, liegt in seiner eigenen Biografie. Als Sohn einer jüdischen Familie in einem Schtetl Galiziens kam er als Kriegsflüchtling 1916 nach Wien, studierte bei Alfred Adler, dem großen Konkurrenten von Sigmund Freud, brach mit ihm, da er Psychoanalyse und Marxismus verbinden wollte, trat 1927 in Berlin der KPD bei und flüchtete vor den Nazis nach Paris, wo er sich Stück für Stück enttäuscht von der kommunistischen Bewegung entfernte.

Im Laufe des Romans begegnen wir einer Vielzahl an Nebenfiguren, die Spuren dieser autobiografischen Geschichte tragen. Durch Sperbers Sprachkunst wirken sie so, als hätte sich die gesamte bisherige Handlung um sie gedreht. Sie kommen den Lesenden nach ein paar Absätzen vertraut vor wie alte Freund*innen, ehe sie so schnell aus der Handlung verschwinden wie sie in sie eingetreten sind. Am ehesten bildet Dojno Faber, ein junger Parteikader, das Gravitationszentrum der Handlung.

Die Seiten von Manès Sperbers Romans beinhalten ein kaum fassbares Maß an historischer Erfahrung. Niederschmetternd nüchtern findet er für die Perspektivenwechsel unter Stalin anschauliche Bilder: “Die Theorie, dass sie Massen revolutionär sind, war früher vielleicht brauchbar, obschon nie ganz richtig. Jetzt ist sie unbrauchbar und falsch. Unter den neuen Bedingungen sind die Massen Wasser – gib rotes Licht darauf, sind sie rot, grünes Licht, sind sie grün”. 

Bedrückend eng wird die Welt der kommunistischen Vorkämpferinnen und Vorkämpfer, von der NSDAP unterwandert, von der eigenen Führung zum Stillhalten aufgerufen, vom inneren Misstrauen der Partei zunehmend zerfressen. Der Raum des Politischen, die Glaubhaftigkeit einer befreiten Gesellschaft, zieht sich mit der Zeit auf einen letzten Blickpunkt zusammen: Gleich einem in der Ferne verschwindenden Auto legt sich die Stille über die Welt, die einst von den Schreien nach Brot, Land und Frieden erschüttert und vom aufkommenden Faschismus niedergebrannt wurde.

Doch was im Mittelpunkt steht, ist nicht die Abstraktion über den Gang der Dinge: Es sind die ganz persönlichen und doch hochpolitischen Werdegänge, Entscheidungen und Konflikte derjenigen, die beseelt sind von der Hoffnung einer klassenlosen Gesellschaft. Wie eine Träne im Ozean sind die Geschichten der Menschen, die viele Opfer bringen, um diese Utopie zu erreichen. Es sind die bitteren Erfahrungen der Enttäuschung über den Verrat der stalinistischen Partei an der kommunistischen Idee, dessen Kompliz*innen und Opfer sie zugleich waren. Und so spiegelt die Freundschaft von Dojno Faber mit seinem Lehrer Stetten nagende Zweifel wieder, wie das Individuum sich zur (bereits gescheiterten?) Revolution verhalten kann.

Rückwärts gelesen bietet dieses Buch jedoch mehr als Niedergang und Bedrängnis. Ohne nostalgischen Kitsch wird die Ernsthaftigkeit und Breite der kommunistischen Organisierung deutlich, die über Jahrzehnte in die Welt gebaut wurde. Internationalismus und tiefe Verankerung eröffnen einen Blick, was Partei einst geheißen hat und woher die Hoffnung auf einen Erfolg ihre Berechtigung gezogen hatte. Die widersprüchlichen Motive der Personen lösen die Geschichte der kommunistischen Bewegung auch aus der Statik des Dämonen Stalin, die in ihren strategischen wie menschlichen Konflikten hervortritt.

Sperber, selber Parteimitglied bis zu seinem Austritt 1937 aufgrund der stalinistischen Säuberungen, hat bei aller Enttäuschung und allem Grauen, das der Stalinismus bedeutete, nicht vergessen, was ihn einmal angetrieben hatte: sein Leben in den Dienst der Utopie zu stellen. Dadurch kann er nach dem Bruch die Widersprüche nachvollziehen, in denen sich die Revolutionäre in der unordentlichen Zwischen- und Vorkriegszeit befanden. Sein Roman bietet keine einfachen Lösungen. Aber er stellt Fragen, wichtige Fragen, die wir nie vergessen dürfen, wenn wir es mit einer besseren Gesellschaft, in der alle menschenwürdig leben können, ernst meinen.

Dieses Buch ist ein Buch für alle, die nicht so leben wollen als gäbe es nur Anfang und Ende, sondern auch Ende und Anfang. Dieses Buch ist auch ein guter Begleiter durch den Lockdown, denn mit über 1000 Seiten wird es so schnell nicht ausgelesen sein. Vielleicht ist es kein Buch, um tiefe Traurigkeit zu vertreiben, aber dafür gibt es ja den Junge Linke Spieleabend.


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