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Sehr blaue Augen

Infobox: Toni Morrison: Sehr blaue Augen
Verlag: Rowohlt, Erschienen: 1979 (Originalsprache, Englisch: 1970), 240 Seiten, 
ISBN: 9783499228544

Sehr blaue Augen. Das ist der große Wunsch von Pecola, einem jungen schwarzen Mädchen in den 40er-Jahren in Ohio. Denn diese blauen Augen würden Pecolas Hässlichkeit, an der sie sich selbst die Schuld gibt, wegmachen. So erklärt sich jedenfalls das junge Mädchen die Welt. Während dem Lesen des Romans konfrontiert die Autorin Toni Morrison einen mit harten Kontrasten: Ein junges unschuldiges Mädchen und eine grausame Welt, die ihm ein schreckliches Schicksal in die Wiege gelegt hat. Pecola lebt in einer gespaltenen Welt, geprägt von Armut, Konkurrenz und Einsamkeit. Zur Spitze getrieben wird ihre Situation, als sie ihr eigener Vater schwängert und sie mit ihren Freundinnen keine andere Erklärung findet, als dass sie im Sommer die Ringelblumensamen wohl falsch eingesät hätten.

Wie es dazu kommt, dass ein so unschuldiges Kind so großen Konflikten und Ungerechtigkeiten ausgesetzt ist, wird anhand der Biografie ihrer Familie und Freundinnen erzählt. Die Personen sind unsympathisch, fluchen viel, beschimpfen einander und teilen nur selten Momente der Liebe und Freundschaft. Aber je länger man liest, desto mehr versteht man, warum sie so sind. Warum sie keine Zuneigung zeigen und warum sie, und auch das ist ein sehr ausschlaggebender Punkt im Roman, sich selbst so hassen. Sie sind nämlich allesamt nicht so geboren, sondern erst dazu gemacht worden. 

Blickt man kurz vom Buch auf, greift zum Handy und googelt die Autorin, fallen einem autobiographische Parallelen auf. Toni Morrison wurde 1931 geboren und erlebte ihre Kindheit zu ähnlicher Zeit und an ähnlichen Orten wie ihre Romanfiguren. Mit zwei Jahren erlebte Toni Morrison selbst unfassbare Gewalt. Weil ihre Eltern die Miete nicht mehr zahlen konnten, setzte der Vermieter das Haus in dem sie lebten in Brand –  während die Familie zu Hause war. Später erzählt Morrison davon, dass ihre Familie darüber lachte, dieser schon bizarren Bösartigkeit war nicht anders zu begegnen. Für Morrison war dies auch die Grundlage für ihren Glauben, auch unter widrigsten Verhältnissen ließe sich menschliche Integrität bewahren. Ihr Buch lotet allerdings aus, wie umfassend diese Verhältnisse die Würde der Menschen zerstören können.

Auch Toni Morrisons Welt war die Welt der Jim-Crow-Gesetze, die den Schwarzen in den USA viele Rechte verwehrten. Diese Gesetze, die um 1900 von den Demokraten gepusht wurden um politische und ökonomische Zugewinne der afro-amerikanischen Bevölkerung wieder einzukassieren, prägten die Machtstrukturen der US-amerikanischen Klassengesellschaft. Nach Adolph Reed Jr. handelt es sich dabei um ein Moment der Klassenbildung, in der Rassismus immer einen bestimmten Aspekt ausmacht. Und so wächst Toni Morrison, wie die kleine Pecola, in einer Welt auf, in der Schwarze an den untersten Stufen des Proletariats stehen. Weiße sind nur am Rand ihrer Welt, aber verschwinden schnell wieder. Toni Morrison nimmt das Leben der schwarzen Arbeiter*innen und der industriellen Reservearmee von Arbeitslosen und Prostituierten in den Fokus. Dabei gibt sie quälend tiefe Einblicke in die Gewalt, die über diese Unterdrückungsstrukturen in die Menschen einfließt.

Auch Pecolas Vater, Cholly, lernt man als unschuldiges Baby kennen. “Als Cholly vier Tage alt war, wickelte seine Mutter ihn in zwei Decken und eine Zeitung und legte ihn auf einen Müllhaufen an der Eisenbahn.” Man liest über seine einsame Kindheit, in der er zu wenig Geborgenheit erfahren hat, seine Jugend ohne festen Halt und Sicherheit und schließlich über den Beginn seiner Ehe und Familie, in der er in der Rolle als Vater scheitert. Er scheitert darin seine Familie zu versorgen, hat nie gelernt mit Kindern umzugehen und findet in Alkohol ein Entkommen aus seinen Sorgen. Seine Geschichte macht es nicht möglich seine Gewalt und Übergriffigkeit nachzuvollziehen, aber man versteht, wie dieses unschuldige Baby zu diesem gewaltvollen Mann gemacht worden ist.

Sehr blaue Augen erklärt wie es dazu kommt, dass dieses junge Mädchen Pecola so ein hartes Schicksal erleiden muss. Man versteht, wie die äußeren Umstände Pecolas Familie ein zerstörerischer Ort für ein junges Mädchen gemacht haben. Das ist teilweise sehr hart zu lesen und viele Szenen im Roman lassen einen das Buch kurz auf die Seite legen, um das Gelesene zu verdauen. Trotzdem findet man zwischendurch auch Situationen der Hoffnung und vor allem spürt man den Wunsch nach einer anderen, freieren Welt. Während Cholly schon ruiniert von der harten Welt abgestumpft seine Freiheit nur mehr im Alkohol findet, sucht Pecola mit ihren Freundinnen immer wieder Kraft durch ihren gemeinsamen Zusammenhalt. Das Scheitern des Suchens nach Freiheit und auch die kleinen Erfolgsmomente machen wütend und lassen beim Lesen mitfiebern.

Wenn man Sehr blaue Augen liest, darf man erwarten, dass der Roman einen berührt, abstößt oder ab und zu einen kalten Schauer den Rücken herunter laufen lässt. Das Buch geht auf jeden Fall nicht spurlos an einem vorbei. 

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