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Der Wolkenatlas

Infobox: David Mitchell, Der Wolkenatlas
Verlag: Rowohlt, Erschienen: 2007 (Originalsprache, Englisch: 2004), 667 Seiten, 
ISBN: 9783499240362

„Bücher bieten keine wirkliche Rettung, aber sie können den Geist davon abhalten, sich wund zu kratzen.“ Der Wolkenatlas ist ein virtuos komponiertes Buch, das eine Reise von der Vergangenheit bis in eine dystopische Zukunft unternimmt – und wieder zurück. Das Buch beinhaltet sechs verschiedene Geschichten in sechs verschiedenen Zeiten und sechs verschiedenen Erzählformen, die alle nebeneinander und miteinander stattfinden und über Jahrzehnte und Kontinente miteinander verknüpft sind. Was allen Stilen gemeinsam ist, ist die Liebe für Wörter und Instagram-fähige Zitate.

Der Wolkenatlas begleitet einen amerikanischen Notar, der 1850 am anderen Ende der Welt seine Heimreise antritt und in seinen Tagebüchern über die menschliche Natur philosophiert. Weiters wird ein begnadeter Musiker vorgestellt, der nach dem 1. Weltkrieg vor seinen Gläubigern nach Belgien flieht und dort auf Schloss Zedelghem als Assistent eines alternden Komponisten sein Auskommen findet. Die Briefe, die er dort schreibt, werden von Luisa L. Rey gelesen, die 60 Jahre später einen Skandal um einen Atomreaktor aufklären möchte und dabei selbst in die Schusslinie finsterer Machenschaften gerät.

In der Gegenwart wird ein britischer Verleger wider Willen in ein Altersheim gesperrt und dort gefangen gehalten. Der Film, der über sein Leben gedreht wird, wird in einer fernen Zukunft von einem Klon angeschaut. Sonmi-451 lebt in einer dystopischen Zukunft und muss die Extreme ihrer Gesellschaft, unermessliche technische Möglichkeiten und absolute Unfreiheit, hautnah miterleben. Schließlich landen wir in einer noch ferneren postapokalyptischen Zukunft, in der alte Technologien fast vollkommen vergessen sind und zwischen den einzelnen Stämmen auf Hawaii nur noch das Recht des Stärkeren gilt.

Wie eine literarische Matrjoschka reihen sich die ersten Hälften dieser Geschichten chronologisch aneinander, danach geht es wieder zurück bis an den Ausgangsort der Geschichte. Jede Hauptfigur hat große Kämpfe gegen andere oder sich selbst zu bestehen und in jeder Geschichte, in jeder Zeit und in jeder Gesellschaft wird der ewige Kampf gegen das Böse dargestellt. Das Streben nach Macht und Herrschaft, Egoismus und Profitgier, Eifersucht, Depressionen und pure Grausamkeit sind laut Mitchell im Menschen selbst angelegt und werden in allen Gesellschaften und Gesellschaftsformen neu verhandelt. 

Die Geschichte wirkt auf den ersten Blick durch ihren Aufbau ausweglos. Geradewegs ins Verderben und wieder zurück, wo ebenso Gier und Mordabsichten warten. Der Wolkenatlas kennt schon wegen dieser Konstruktion kein Happy End, weil das grausame Ende ja in der Mitte des Buches bereits erzählt ist. Diese Unausweichlichkeit der Gewalt ist das Thema von unseren Generationen: Seit wir leben ist Krise. 

Der Verarbeitung dieser Generationenerfahrung hat sich auch Jan Distelmeyer in seinem Essay Katastrophe und Kapitalismus gewidmet. “Die Frage ist heute eher, wann es alle erwischt haben wird und was bis dahin noch zu tun ist. Das Individuum ordnet sich der Totalität des Katastrophalen unter und arrangiert sich damit” beobachtet Distelmeyer den Zeitgeist des Krisenkapitalismus. “Etwas dagegen zu unternehmen, wirkt desto schwieriger, je weniger eine klärende Übersicht über die Probleme möglich scheint, und zugleich einerseits die Wucht der Krise des Kapitalismus total ist, während andererseits eine Debatte über grundlegende Alternativen jenseits des Horizonts liegt”. Distelmeyer erklärt, wieso gerade in Zeiten der Krise, wenn es wenig Hoffnung auf die Veränderung zu einer freieren Welt gibt, Katastrophengeschichten und Dystopien so viel Anklang finden. Der Wolkenatlas ist nicht nur ein dystopischer Roman ohne Happy End, nein – er reflektiert ein Ohnmachts und Schuldgefühl des Einzelnen, wenn die Welt gerade im Chaos liegt.  

Das Traurige an der Dystopie heute ist, dass erst durch sie ein Ende des Kapitalismus vorstellbar wird. Das kritische Potential von Dystopien ist, dass wir uns das Ende des Kapitalismus nur mehr zusammen mit dem Ende der Gesellschaft vorstellen können. Die Menschen müssen sich damit nur mehr arrangieren. Nur noch selten stören utopische Gedanken diese Anpassung. Denn ohne sozialistische Bewegung gibt es heute keine konkreten Utopien mehr. Und während heute den literarischen Utopien die Glaubwürdigkeit fehlt, leuchten Dystopien die tickende Uhr der Katastrophen in allerlei bunten Farben aus. 

”Ich machte mir nichts vor. Keine Welt wäre schwieriger zu verwirklichen. Mühsam über Generationen hin erlangte Fortschritte können durch den Federstrich eines kurzsichtigen Präsidenten oder das Schwert eines ruhmsüchtigen Generals verlorengehen.” Doch obwohl die dunklen Dystopien ein beklemmendes Gefühl hinterlassen, wirken sie nicht fatalistisch und vorherbestimmt, denn wenn Menschen am Ende des Tages für den Untergang der Welt verantwortlich sind, dann kann die Welt auch durch Menschen gerettet werden. 

 

Diese Brüche mit dem vermeintlichen Lauf der Geschichte treten immer wieder zu Tage und auch wenn das Buch mit esoterisch angehauchten Aspekten wie Wiedergeburt spielt, werden die Charaktere als Herrinnen über ihr Schicksal dargestellt, die in ihrem Kern revolutionär sind, schon immer Dinge verändert haben und auch immer Dinge verändern werden. „Die Seelen wandern über die Zeit wie die Wolken über den Himmel.“ Sich ewig wiederholende Muster können unterbrochen werden und müssen nicht bis in alle Ewigkeit wiederkehren. Wer also noch nach einem aufregende Buch sucht, dass zu Weihnachten gut verschenkt werden kann, ist mit diesem Buch in jedem Fall gut beraten.

David Mitchell (*1969)

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