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Das Parfum

Infobox: Patrick Süskind, Das Parfum
Verlag: Diogenes 2006, (Original erschienen: 1985), 319 Seiten
ISBN: 9783257065404

Am Fischmarkt, dem wahrscheinlich am schlimmsten stinkenden Ort in ganz Paris, wird Grenouille zwischen zwei Marktständen, Fischinnereien und Abfällen geboren und sogleich von seiner Mutter verlassen. Von Anfang an ist klar, dass das Neugeborene keineswegs unschuldig ist, sondern zu einem der schlimmsten und skrupellosesten Gestalten seiner Zeit heranwachsen würde. Mit seinem ersten Schrei verrät er seine Mutter und bringt sie an den Galgen, während er selbst von einer Amme aufgezogen wird. Das ist der erste Eindruck der Hauptperson des Romans, der alles hat, was ein gutes Buch so ausmacht. Eine packende Geschichte, einen gut komponierten Spannungsbogen, schöne und hässliche Momente, Beschreibungen, die zum Träumen einladen und ein vollkommenes Versinken im Frankreich des 18. Jahrhunderts.

Grenouille hat selbst keinen Körpergeruch, was auch sprichwörtlich dazu führt, dass ihn seine Zeitgenoss*innen nicht riechen können. Gleichzeitig wird er mit einer absoluten Nase geboren – also der Fähigkeit, Gerüche genau zu erkennen, aufzuspalten, zu kategorisieren und sich ihrer zu erinnern. Er kennt bald den Geruch von tausend verschiedenen Holzarten, kann den Geruch von Menschen haargenau unterscheiden, findet Moleküle von vergangenen Düften in der Luft und verliert sich in seiner olfaktorischen Kartographie von Paris. 

Jean-Baptiste Grenouille ist vieles: Eine Zecke, die nur auf ihr eigenes Überleben bedacht ist, ein Ungeheuer ohne Moral und Skrupel, und auch auf gewisse Art übernatürlich. Aber eines schreibt man ihm sicherlich nicht zu: menschlich zu sein. Grenouille braucht weder Liebe noch Zuneigung, weder Empathie oder Mitgefühl, er überwintert seine eigene Jugend wie ein Parasit, beharrlich auf den Moment wartend, an dem er seine Chance ergreifen kann. 

Er landet bei einem Gerbermeister, gelangt weiter zur einem berühmten Parfumeur und verhilft diesem, dank seiner feinen Nase und seinem Genie für Duftkompositionen zu Ruhm und Erfolg. Er lernt wie man Gerüche konserviert und Parfums herstellt, er kann bald die herrlichsten Düfte entwickeln, aber bleibt dabei vollkommen emotionslos. Der einzigen Duft, der ihn jemals begeistern und in Ekstase versetzen wird, ist der Duft eines jungen Mädchens, dass er in den Hinterhöfen von Paris findet und ab diesem Zeitpunkt unbedingt besitzen möchte. Das Mädchen ermordet er kaltblütig, um sich an ihrem Geruch zu ergötzen.

Das Fehlen seines eigenes Körpergeruchs hebt ihn über seine Mitmenschen und macht ihn, in Kombination mit seinem absoluten Geruchssinn, zu einem gottähnlichen Wesen. Damals wie heute war es üblich seinen eigenen Körpergeruch mit einem gut-reichendem Parfum zu überdecken, und auch damit die Zwänge der Natur loszuwerden. Grenouille hingegen, der nach nichts riecht, versucht erst überhaupt Mensch zu werden, in dem er ein nach-Mensch-riechendes Parfum kreiert.

Um weitere Herstellungsmethoden zu erlernen verlässt er Paris und macht sich auf den Weg nach Grasse. Sobald er die große, stinkenden Stadt jedoch verlassen hat, ist Grenouille berauscht von der Abwesenheit anderer Menschen. Mit seiner Nase sucht er sich den entlegensten Ort in Frankreich, fernab jeder Zivilisation und verbringt ganze 7 Jahre in einem dunklen Erdloch, tiefer in einem Felsmassiv vergraben. Seine einzige Beschäftigung ist sein Gedächtnis und sein Sammelsurium an Gerüchten und Düften, mit deren Hilfe er ganze Welten und Universen in seinem Kopf entstehen lässt. Erst die Erkenntnis, dass er selbst, Grenouille, keinen eigenen Geruch besitzt, und die Bestürzung darüber, lässt ihn sein Einsiedlerdasein beenden und sich zurück in die Welt der Menschen begeben.

Zurück in der Zivilisation ist sein Denken und Handeln nur noch auf ein Ziel ausgelegt: das beste Parfum der Welt zu kreieren. Die einzelnen Zutaten zu diesem Parfum kennt er genau: der Duft von 25 verschiedenen jungen Mädchen, ihr Geruch für die Ewigkeit konserviert, und als Herzstück die wunderschöne Laure.

Während in “Das Parfum” der eigene Körpergeruch und der oft unbewusst arbeitende Geruchssinn die Quintessenz des menschlichen Daseins darstellt, sind es nicht nur diese von der Natur gegebene Eigenschaften, die uns Menschen ausmachen. Viel bedeutender ist, was der Mensch mit diesen Fähigkeiten macht. “Das Parfum” lädt uns ein, über etwas nachzudenken, was uns oft eher als störend in die Quere kommt: Unsere Nase. 

Das Riechen ist kein Sinn wie das Sehen, es gibt für diesen Sinn weder eine Brille noch ein Hörgerät. Er ist etwas sehr unmittelbares, näher an der Natur, wie auch die körperlichen Reaktionen zeigen: Das Gesehene kann man bearbeiten, Gerüche befördern eine*n fast automatisch an Orte und Erinnerungen, die mit ihnen verbunden sind. Diese Unmittelbarkeit gilt in gewisser Weise auch umgekehrt: Wir können versuchen unseren Geruch zu überdecken, aber wir können ihm nicht entkommen. Gerüche verraten viel über die Menschen, auch vieles, dass wir nicht einfach preisgeben wollen. 

Auch deshalb ist das Riechen in der Sprache und der Symbolik unserer Kultur nicht besonders gut angeschrieben. Ein Schnüffler wittert eine Spur, und ist damit fast schon zum Tier degradiert. Das Riechen im aktiven Sinn wird von unserer Kultur kontrolliert. Das Riechen im passiven Sinn vielleicht noch mehr. Wenig Urteile stellen eine Person so direkt aus der sozialen Gruppe wie: “Du stinkst”. Zu direkt bemerken wir da die Natur am Mensch. Gerade deshalb wird sie der Beherrschung durch Kultur unterworfen. Naturbeherrschung muss heute sozial passieren, auch unsere ureigene Natur, doch die Beherrschung soll nicht bemerkt werden. Deshalb tritt uns die Erinnerung an die Kompromisslosigkeit des Riechens in Süskinds Roman so monströs entgegen.

Grenouille, der die Menschen mit dem Produkt zahlloser Morde verführt, stellt sich als das Monster dar, das ins uns geweckt wird, wenn wir riechen und uns hingeben. Wenn uns ein Geruch überwältigt, dann hilft kein Reflektieren mehr.

Patrick Süskind (*1949)

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