fbpx

Das Geisterhaus

Infobox: Isabel Allende: Das Geisterhaus
Verlag: Suhrkamp Verlag, Erschienen: 1989, 501 Seiten, 
ISBN: 3518381768

“Das Geisterhaus war Bewältigung meiner Erinnerung” meinte Isabel Allende später über ihr Buch. Aus fiktiven Notizen zusammengetragen als Versuch, “das Gedächtnis der Vergangenheit wiederzufinden und mein eigenes Entsetzen zu überleben”. Ihr Vater war der Cousin von Salvador Allende, dem sozialistischen Präsidenten Chiles. Nach dem Putsch gegen und dem Tod von Salvador fand sich Isabel selbst auf den Verfolgungslisten der faschistischen Diktatur wieder und musste für 13 Jahre ins Exil nach Venezuela gehen. Dort schrieb sie “Das Geisterhaus”.  

Das Haus der Geister ist das Haus des Familienepos. Ein großes Eckhaus in Santiago de Chile, Wohnort mehrerer Generationen der Familie del Valle. In diesem Haus, wie im gesamten Buch von Isabel Allende, verfließen die Grenzen zwischen Realität und Magie. Eine der Hauptfiguren, Clara del Valle, hat übersinnliche Fähigkeiten und erahnt die Zukunft. Unter anderem, dass ihre Schwester Rosa sterben wird. Sie stirbt an einer Vergiftung, die den Vater treffen sollte, der in der liberalen Partei aktiv war.

So beginnt eine lange Geschichte von Irrungen und Klassenkonflikten, von Gewalt und Politik, von Liebe und Vergewaltigung. Der Verlobte Rosas, Esteban Trueba, ein despotischer Landgut-Besitzer, kehrt später zurück und heiratet die Schwester Clara. Ihre gemeinsame Tochter Blanca liebt den Sohn eines Vorarbeiters des Landgutes und wird vom Vater Esteban dafür bestraft. Erst Alba, die Tochter Blancas, bekommt wieder Zugang zu ihrem Großvater Esteban und steht ihm gleichzeitig politisch feindlich gegenüber. Esteban ist Senator der konservativen Partei, Alba gehört der linken Studentenbewegung an.

Der Wahlerfolg der sozialistischen Partei spaltet die Familie noch weiter. Esteban unterstützt den kommenden Putsch, um eine Rückkehr zur alten Ordnung zu erzwingen, doch wacht er ernüchtert vom Faschismus in einem Alptraum auf, den vor allem seine Tochter und seine Enkelin beinahe mit dem Leben bezahlen. Faschistischer Terror, Tod und Grausamkeiten regieren das Land, das gerade noch die Türen zum Sozialismus aufgestoßen hatte. 

“Ich bin mir sicher, dass wir die nötige Energie und die notwendigen Fähigkeiten haben um die erste sozialistische Gesellschaft auf einem demokratischen, pluralistischen und liberalen Modell aufzubauen” sagte Salvador Allende, der frisch gewählte Präsident Chiles, 1970 in seiner ersten Rede vor dem Parlament. Allende, im Bündnis “Unidad Popular” von Sozialist*innen, Kommunist*innen und anderen linken Splitterparteien gewählt, kämpfte fast 20 Jahre lang um die Mehrheit im Land. In seiner Rede sprach er über die Überwindung des Kapitalismus in Chile, die Vergesellschaftung der Produktionsmittel und die Grenzen seiner parlamentarischen Politik. Voller Hoffnung richtete er den Zweiflern aus, dass es Chile gelingen würde, das Parlament, einst Haus der herrschenden Klasse, in das Haus der chilenischen Bevölkerung zu verwandeln. Drei Jahre später sollte diese Hoffnung in den Bomben auf den Präsidentschaftspalast untergehen, die die putschende Luftwaffe mit Unterstützung der USA abwarf. 

Weder Santiago de Chile noch Salvador Allende werden im Roman jemals genannt. Und doch treten die Figuren und Ereignisse so deutlich hervor, dass man sie erst gar nicht benennen muss. Vielfältige Menschen mit verschiedenen Geschichten haben an dem Erfolg Allendes und der Unidad Popular mitgewirkt. Der Roman gibt manchen davon ein neues Gesicht: Vom Landarbeiter, der nach jahrzehntelanger schwerer Arbeit der Kommunistischen Partei beitritt bis zum Arzt, der aus innerer Revolution heraus nur in Armenvierteln behandelt: Der 20 Jahre lange Kampf um den Sozialismus, mit dem Zug durch ganz Chile gebracht, wird von vielen Menschen in vielen einzelnen Kämpfen getragen. 

Das Buch endet, wo die Geburtsstunde unserer Generationszeit schlägt. Mit Militärmacht wird aus den Ruinen des demokratischen Sozialismus ein Versuchslabor des Neoliberalismus errichtet. Wenn die kubanische Revolution die Hoffnung brachte, dass die Weltrevolution wieder ins Rollen kommen würde, so markiert der Putsch unter Augusto Pinochet die Klarheit, dass die USA auch keinen friedlichen Weg zum Sozialismus akzeptieren würden. Der Tod Salvador Allendes erinnert uns daran, dass es keinen Weg zum Sozialismus geben dürfe, ob nun durch Reform oder Revolution. 

Das Buch erinnert uns damit auch daran, dass demokratische Macht in den letzten 100 Jahren noch nie ein Garant dafür war, kapitalistische Interessen zurückdrängen zu können und neue Formen des Wirtschaftens einzusetzen. So sehr wir uns als Linke wünschen, dass Menschen sich an die Willensbekundungen der Unfreien und Geknechteten halten wollen, so sehr müssen wir uns immer daran erinnern, dass Imperialismus und die Kapitale immer Rückfallpositionen hatten um ihre Stellungen zu verteidigen: Warum also sollte es heute auf einmal anders sein?

Diese harten und schweren Wahrheiten packt Isabel Allende in eine Geschichte voller Wunder und Zuversicht, in eine Form, in der einen die Grausamkeit der Welt nicht einfach trifft wie ein Klavier aus dem dritten Stock gefallen. Die Frauen, die die Familie jahrzehntelang am Laufen halten, die ihr Ding zu machen versuchen und den tyrannischen Familienpatriarchen schließlich überkommen, die sich im Persönlichen wie im Politischen nicht brechen lassen, machen dieses Buch auch zu einem Appell, mutig zu sein. 

So viel sei verraten, der erste Satz ist der letzte Satz. Dieses Buch handelt von einem Gegeneinander von Gewalt und Hoffnung, aber das Ende der Hoffnung in der Gewalt ist auch der Anfang, dieser Hoffnung eine neue Gestalt zu geben. Es gibt uns die Kraft und stellt die Aufgabe neu, aus dem Zirkel der Unterdrückung und Gewalt endlich auszubrechen.


(*1942)

Mehr dazu:
– Buch neu (12 EUR; versandkostenfrei)
– Buch gebraucht (2 – 9 EUR; zzgl. 2 – 5 EUR Versand)
– Leseprobe


Unsere letzten Buchtipps: