Gemeinsam den Weg frei machen

Frauenförderung der Jungen Linken

Antrag zum 2. Bundeskongress der Jungen Linken 12.-14.04.2019 St. Gilgen am Wolfgangsee, Salzburg

Antragsteller*in: Sarah Pansy, Flora Petrik, Ricarda Martinek, Theresa Schlag, Sara Sturany, Ralf Schinko, Tobias Kohlberger, Veronika Hackl, Simon Neuhold, Miriam Frauenlob, Max Veulliet, Tanja Reiter, Valentin Winkler, Jakob Hundsbichler

Frauen begeistern sich genauso für Politik wie Männer, aber am Weg in die politische Arbeit bekommen sie mehr Steine in den Weg gelegt. Unsere Aufgabe besteht deswegen darin, diese Steine aus dem Weg zu räumen. Wir wollen zusammentragen, welche Strategien dafür am erfolgreichsten sind, damit uns Steine, die wir schon weggeräumt haben, nicht wieder in den Weg rollen können. 

Frauenförderung ist eine Frage der Organisationsentwicklung

Feminismus und Frauenförderung sind Grundwerte und Grundsatzpositionen der Jungen Linken, die sich in der Organisationskultur und der gesamten Arbeit wiederspiegeln sollen. Eine wichtige Erkenntnis für uns ist, dass inhaltliche Arbeit zu feministischen Fragestellungen noch keine Frauenförderung ist. Eine klare Unterscheidung ist wichtig: Beteiligung und Repräsentation von Frauen innerhalb der Organisation auf der einen Seite und inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema Feminismus und Gender auf der anderen Seite. Theoriearbeit hilft uns zu verstehen, warum Frauen benachteiligt werden, aber erst die Arbeit an den Organisationsstrukturen hilft Frauen auch aktiv im Verband einzubinden.

Frauenförderung ist Führungsaufgabe

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Frauen benachteiligt werden. Was wir alltäglich lernen, ist Frauen weniger zu fördern und systematisch auszuschließen und das oft ohne es zu merken. Wir können die Geschlechterrollen, die in unserer Gesellschaft vorherrschen, innerhalb unserer Organisation nicht einfach ausblenden, auch wenn es einfacher wäre so zu tun, als würde das funktionieren. Um diese Bilder aufzubrechen, sind wir gefordert neue zu gestalten: Vorbilder schaffen, Ideen entwickeln, Rollenbilder entwerfen. Ganz praktisch stellt sich dann die Frage: Wer macht das?

Als Junge Linke sitzen wir dabei zwischen zwei Stühlen: Frauenförderung soll in einer politischen Organisation die Aufgabe aller Mitglieder gemeinsam sein, doch gleichzeitig kann man sich nicht darauf verlassen, dass wir alle automatisch in diese Richtung streben woher sollen denn Strategien zur Frauenförderung kommen, wenn die Gesellschaft lehrt Frauen auszuschließen? So muss Frauenförderung insbesondere die Aufgabe von gewählten Personen in Führungspositionen sein, um klare Verantwortlichkeiten zu garantieren, Raum für Ausprobieren zu schaffen und eine Evaluierung zu gewährleisten, die es ermöglicht, auf Entwicklungen des Verbands zu reagieren.

Ja zu Zahlen und Fakten

Frauenförderung ist ein politisch nicht einfach zu bearbeitendes Thema. Viele Emotionen kochen hoch, sobald am Tisch liegt wer gefördert wird. Immer wieder fühlen sich Personen zurückgelassen oder finden es unfair, wenn Frauen gefördert werden. Für junge Männer fühlt es sich schnell so an, als würden sie nicht in gleichem Ausmaß Möglichkeiten bekommen. Aber wenn man sich die Zahlen und Daten anschaut wird klar: wir fördern Männer jeden Tag, weil es normal ist das zu tun. Ein Bekenntnis zur Frauenförderung heißt: Frauen nicht mehr, sondern die gleichen Möglichkeiten zum Mitmachen zu geben.

Dabei muss uns wichtig sein, Sexismus nicht als Schuldfrage zu verhandeln, sondern politisch zu argumentieren, warum wir bestimmte Maßnahmen setzen. Mit Zahlen und Fakten zu arbeiten ist ein gutes Mittel um Diskussionen zu fundieren und von “Meinungen” oder Kränkungen wegzuleiten. Wichtige Zahlen sind zum Beispiel die Mitgliederstruktur, die Adressbestände, die Teilnehmer*innenzahlen verschiedener Veranstaltungen und Formate, die Dauer der Mitgliedschaft in verschiedenen Gremien, die Anzahl der Interessent*innen die sich melden und wie viele davon in weiterer Folge eingebunden werden können, sowie die Anwesenheit von Frauen und Männern bei Sitzungen.

Zahlen und Daten helfen uns auch zu evaluieren ob unsere Maßnahmen zur Frauenförderung wirklich greifen. Dafür müssen wir uns konkrete Ziele setzen, und klar wissen, wie wir herausfinden ob unsere Arbeit funktioniert. Das Sammeln von Daten und Zahlen ist daher eine wichtige Aufgabe und braucht eine klare Verantwortlichkeit in jedem Vorstand.

Linke Öffentlichkeitsarbeit abseits martialischer Bilder

Bei dem Design und der Präsentation nach außen sind oft viele Kleinigkeiten wichtig, wie etwa die Farbwahl oder die Auswahl der Titel für Veranstaltungen. Der Einsatz von martialischen Bildern und gewaltvoller Sprache ist ein Grund für den starken Männerüberhang in linken Organisationen. Hier können wir einen Unterschied machen indem wir gezielt auf einen einladenden Außenauftritt der Jungen Linken achten, um auch junge Frauen anzusprechen mit uns aktiv zu werden. Auch die Themenwahl von Veranstaltungen ist zentral, hier gilt es zu beobachten, welche Wirkung diese auf unterschiedliche Zielgruppen hat.

Offene Organisationskultur

Jede Organisation neigt dazu, sehr viele soziale Codes und eigene Sprachmuster zu entwickeln, von denen sich neue Interessierte schnell ausgegrenzt oder eingeschüchtert fühlen. Um den Eintritt in die Organisation möglichst niederschwellig zu gestalten, kann es helfen weitestgehend auf Abkürzungen und interne Codes zu verzichten.

Auch die Diskussionskultur hat großen Einfluss darauf, wie einladend und zugänglich politische Organisationen für junge Frauen sind. Männer reden tendenziell mehr und lauter und nehmen sich mehr Raum in Diskussionen. Als Junge Linke versuchen wir daher stets, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen alle zu Wort kommen können und die Redezeit durch gezielte Methoden möglichst verteilt ist. Dabei helfen Techniken wie quotierte Redner*innenlisten und das Sichtbarmachen von Wortmeldungen von Frauen und Männern. Der Versuch bei Großveranstaltungen mit Kleingruppen zu arbeiten bewährt sich sehr, da in kleineren Gruppen pro Person mehr Redezeit zur Verfügung steht und zusätzlich der Publikumswert für Selbstdarstellerei sinkt. Sehr wichtig ist auch immer, das Wissensniveau der Teilnehmer*innen vor einer Diskussion auf ein gemeinsames Level zu heben, um eine gleichberechtigte Möglichkeit zur Teilhabe an der Debatte zu eröffnen.

Die Quote ist gut, aber nicht alles

Die Quotierung von Funktionen im Verband ist eine zentrale Maßnahme. Frauen melden sich seltener selbständig für Führungsrollen, teilweise weil sie sich weniger zutrauen als gleich qualifizierte Männer, teils weil sie niemand anderem die Chance nehmen wollen, oder aus anderen, individuellen Gründen. Männer tendieren aufgrund vieler Mechanismen in ihrer gesellschaftlichen Sozialisation meist zum gegenteiligen Verhalten. Um zu verhindern, dass mehr Männer in Vorstände gewählt werden, einfach nur weil sie sich schneller melden, ist die Quote eine wichtige Regulierungsmaßnahme.

Die Quote hat durch ihre statutarische Festlegung bei den Jungen Linken eine verpflichtende Wirkung. Die Verantwortlichen nehmen dadurch viel mehr Anstrengungen auf sich, Frauen gezielt anzusprechen. Das zeigt seine Wirkung: Alle Vorstände der Jungen Linken sind paritätisch besetzt.

Dennoch ist die Quote nicht das Allheilmittel für fehlende Geschlechter-Gleichberechtigung, weil sie nur das Symptom und nicht die Ursache bekämpft. Die gesellschaftlichen Mechanismen, die für die Unterschiede in der Selbstwahrnehmung von Männern und Frauen verantwortlich sind, werden mit der Quote nicht behandelt. Frauenförderung muss mehr als nur das Einführen von Quoten sein.

Des Weiteren hat die Quote, wenn sie nicht in Verbindung mit echter Förderung und Weiterbildung von Frauen steht, sogar einen negativen Effekt. In eine Führungsposition geholt zu werden, nur weil die Statuten das erfordern und nicht, weil man von den Qualifikationen der Frau überzeugt ist, wird in dem Kontext immer wieder argumentiert und als reale Erniedrigung empfunden. Die “Quotenfrau” zu sein ist alles andere als schmeichelhaft.

Die Quote ist zwar ein wichtiges und gutes Mittel, kann aber nicht die Lösung der gesellschaftlichen Probleme sein. Die Quote sollte immer nur in Kombination mit Förderung und Weiterbildung von Frauen eingesetzt werden und diese ergänzen, nicht umgekehrt.

Frauen und Theoriearbeit

Auch wenn uns als Junge Linke oft das ausgeglichene Geschlechterverhältnis bei der Organisationsarbeit gelingt, gibt es noch Felder der politischen Arbeit die besonders schwer zu öffnen sind. Eines davon ist die politische Theoriearbeit. Ein großer Teil dieser Arbeit wird gern und schnell von Männern übernommen. Deshalb braucht es Räume und Fortbildungen, in denen sich sowohl Frauen als auch Männer bewusst mit ihrem gesellschaftlich geprägten Verhalten auseinandersetzen. Verstehen, woher gewisse Verhaltensweisen kommen, diese zu reflektieren und zu überdenken, ist Aufgabe jeder und jedes Einzelnen von uns. Besonders Frauen muss die hier gesellschaftlich eingeredete Unsicherheit genommen werden und sie müssen in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt werden. Ein Versuch dem entgegenzuwirken kann sein, gezielt weibliche Vorbilder zu stärken, um Frauen zu zeigen: Theoriearbeit ist selbstverständlich Frauensache.

Ende in Sicht?

Für Frauenförderung gibt es keinen Masterplan, an den man sich hält und dann ist alles gut. Frauenförderung ist ein Thema, das immer weiter- und neu gedacht werden muss. Ein klares Bekenntnis als Junge Linke Frauenförderung zu betreiben bedeutet politische Verantwortung für die Entwicklung des Verbands zu übernehmen und gemeinsam daran zu arbeiten unsere Organisation immer weiterzuentwickeln.

Daher: Lasst uns gemeinsam die Steine wegräumen, die uns im Weg liegen