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Die Emanzipierte Powerfrau? – Thesen zum Weltfrauentag

DIE EMANZIPIERTE POWERFRAU

THESEN ZUM WELTFRAUENTAG

1. Die Errungenschaften der Frauenbewegungen zu verteidigen, heißt neue Forderungen zu stellen

Die Frauenbewegungen gehören zu den erfolgreichsten sozialen Bewegungen der Geschichte. Von der völligen Rechtlosigkeit, hin zur Möglichkeit zu studieren, dem Wahlrecht, der formalen rechtlichen Gleichstellung in den 1970ern, der Fristenlösung und vielen anderen kleinen und großen Schritten. Einige davon sind der direkte Erfolg von massenhaften Kämpfen, andere wurden indirekt als Zugeständnis der Herrschenden errungen. Aber alle Errungenschaften waren nur durch die behutsame und unnachgiebige Aktivität der Frauen- und Arbeiterinnenbewegung möglich. Diese Erfolge sollten gefeiert werden, doch sind sie bei weitem nicht der Weisheit letzter Schluss.

2. Geschlechtergerechtigkeit muss ökonomische Gerechtigkeit sein

Betrachtet man die greifbarsten dieser Errungenschaften, fällt auf, dass es sich dabei hauptsächlich um formale und rechtliche Fragen handelt. Interessant wird es aber, wenn man den Blick auf jene Fragen richtet, deren Beantwortung die Gesetzgebung bewusst offen lässt: Den Erwerb des Lebensunterhaltes. Im Kapitalismus herrscht das Privateigentum. Jeder Mensch ist „frei“, sein Eigentum zu Markte zu tragen, um sich dadurch zu bereichern. Dem Gesetz ist es dabei gleichgültig, wie dies geschieht. Nur sind die Voraussetzung völlig ungleich: Eine Minderheit hat vermehrbare Reichtümer als Eigentum und die Mehrheit nur sich selbst, die eigene Arbeitskraft. Dass Frauen überproportional zu letzterer Gruppe gehören und in diesem Spiel besonders schlecht abschneiden, ist hinlänglich bekannt: Prekäre Arbeitsverhältnisse, erzwungene Teilzeitarbeit und Gender Pay Gap sind nur einige dieser spezifisch weiblichen Ausbeutungsphänomene. Hier nun zu fordern, es mögen doch mehr Frauen in erstere Gruppe aufsteigen und zu ausbeutenden Eigentümerinnen werden, ist eher witzlos.

3. Die „Powerfrau“ ist die Hausfrau des 21. Jahrhunderts

Die ökonomische Dimension der Frauenunterdrückung zeigt sich besonders drastisch im Verhältnis zwischen häuslichem Bereich und Erwerbsarbeit. Lange Zeit standen Frauen in vollständiger Abhängigkeit zu ihren Ehemännern. In den Jahren des wirtschaftlichen Aufschwungs der Nachkriegszeit etablierte sich das Familienmodell des berufstätigen Mannes, der für das Einkommen sorgt und der Hausfrau, die dadurch in völliger finanzieller Abhängigkeit zu ihm stand. Befürworter dieses konservativen Familienmodells finden sich immer noch, aber die gesellschaftliche Realität hat sich gewandelt. Seit den 1980er Jahren stagnieren oder sinken die Reallöhne und mit einem solchen Modell ist kein Auskommen mehr zu finden. Statt finanzieller Unabhängigkeit finden sich Frauen nun in einer doppelten Belastung: Zusätzlich zur aufgezwungenen Rolle als Hausfrau müssen sie nun auch berufliche Leistungen erbringen. Ideologisch untermalt wird dieser Zwang gerne mit pseudo-emanzipatorischen Phrasen aus der Mottenkiste des Neoliberalismus: Die Powerfrau, die selbstbestimmt den Haushalt und den Beruf schmeißt und am besten noch in allen anderen Lebensbereichen glänzt und sich durch individuelle Leistungsfähigkeit von der Konkurrenz abhebt.

4. Eine Frauenbewegung braucht verbindende Forderungen, die die Unterschiede mitdenken

Aber auch Powerfrau ist nicht gleich Powerfrau. Eine unter Leistungsdruck stehende Managerin unterscheidet sehr vieles von einer unter Dauerstress stehenden Supermarktkassiererin, die mit magerem Einkommen das Leben ihrer Kinder bezahlen muss und zusätzlich für sie Sorgen muss. Diese Tatsache ist auch zentral für das subjektive Geschlechterverständnis: Die Soziologin und Gewerkschafterin Margarete Steinrücke kommt in einer Studie zum Alltagshandeln von Frauen verschiedener sozialer Klassen zum Ergebnis, dass die eigenen Vorstellungen von Geschlecht abhängig von der Klassenlage sind, es aber gleichzeitig auch verbindende Momente, wie die Erfahrung der Unterordnung gibt.

5. Frauenbefreiung braucht auch tätige Männer

Die Unterschiedlichkeit der Geschlechter ineinander verweist schon auf die potenzielle Gleichheit der Geschlechter zueinander: Prekäre Arbeit und die Teilzeitfalle sind nur mit gewerkschaftlicher Organisierung zu bekämpfen, die auf die Kampfkraft aller Betroffenen bauen muss. Aber auch in nicht-ökonomischen Fragen der Frauenunterdrückung sind auch die Männer gefragt, schon allein aufgrund der Tatsache, dass es sich ja um Geschlechterverhältnisse handelt: Eine Bezogenheit aufeinander, wobei eines ohne das andere nicht existiert. In einer von Gegensätzen geprägten Gesellschaft, die auf Abhängigkeiten beruht, müssen die Antworten auf Probleme eben kollektiv sein.

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