Stadt der Engel oder: The Overcoat of Dr. Freud

Infobox: Christa Wolf: Stadt der Engel oder: The Overcoat of Dr. Freud
Verlag: Suhrkamp Verlag, Erschienen: 2011, 414 Seiten, 
ISBN: 978-3-518-46275-1

„Aber sie hätten schon ganz gerne gewußt, wie eine sich fühlte, die geradewegs aus einem untergegangenen Staat kam.“ Christa Wolf hat drei Staaten erlebt. Aufgewachsen in Nazi-Deutschland, als Kind deren Schule durchlaufen. Danach als junge Frau, als überzeugte Kommunistin in der DDR. Schlussendlich, nach dem Fall der Mauer, nach dem Scheitern der DDR, eingegliedert in die Bundesrepublik – dem Deutschland von heute. Sie hat aber nicht nur drei Staatsformen erlebt, sie hat in drei verschiedenen Gesellschaftsformen gelebt. Sie hat drei verschiedene Erzählungen von Gesellschaft gekannt. Aufgewachsen im Volkstaumel der Nationalsozialisten, gelebt für die Weltrevolution in der DDR und schließlich gestorben in der Welt des Kapitals. Die Welt hat sich in ihrem Leben oft gewandelt, und immer wieder schrieb sie ihre Erinnerungen gegen die Zeit.

In Stadt der Engel berichtet sie von einem Aufenthalt in Los Angeles, eingeladen als Schriftstellerin, spürt die Ich-Erzählerin dem Leben einer Frau L. nach – eine Frau, die sie nur aus dem Nachlass einer verstorbenen Freundin kennt. So bewegt sie sich auf den Spuren einer deutschen Emigrantin, die vor den Nationalsozialisten geflüchtet, in Los Angeles gelandet war. Sie beobachtet die amerikanische Lebensweise, und taucht ein in die Vergangenheit des New Weimar unter Palmen, wie Los Angeles unter den deutschen Emigrant*innen genannt wurde. Wie lebt es sich, wenn das eigene Zuhause sich gegen einen wendet? Eine Frage von Generationen, durch tausende Biographien beantwortet.

Auch Christa Wolf selbst ist verlassen von ihrem Zuhause, lebt selbst in der Emigration nur ohne geflüchtet zu sein. Nach dem Fall der Mauer noch Kommunistin sein? Als Überbleibsel einer Welt, die es nicht geschafft hat, ihre Zukunft zur Gegenwart werden zu lassen, schreibt sie darüber wie sie die Gesellschaft von Heute sieht. Es reißt sie immer wieder zurück, in Erinnerung und Verlust, in eigene Schuld und vergangene Träume. 

Christa Wolf ist bedeutende Schriftstellerin in der DDR und kritische Stimme in der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) gewesen. Noch bis zum Mauerfall 1989 hat sie an eine Reform der DDR geglaubt. Sie verbringt selbst einige Zeit in den USA und wird dort konfrontiert, mit den Schrecken des Kapitalismus und gesellschaftlichen Ungleichheiten. Zeitgleich wird bekannt, dass sie in Berlin 3 Jahre lang mit dem Ministerium für Staatssicherheit (“Stasi”) zusammengearbeitet hatte. Sie erfährt harte Kritik, auch aus eigenen Reihen, und man erkennt hier eine große biographische Deckung zu der Protagonistin in Stadt der Engel. Diese Schuld, und der immer noch bestehende Traum an eine befreite Gesellschaft, verarbeitet Christa Wolf in diesem Buch – und genau das macht das das Buch so spannend zu lesen. Es ist laut Christa Wolf, rein fiktiv, doch lassen sich viele Parallelen zu ihrem Leben ziehen. Auch ist es kein Roman, wie man sonst oft liest, es fehlen Zeitangaben und Details, die man nur durch den Vergleich zu Christa Wolfs Biographie füllen kann. Die Auseinandersetzung mit Christa Wolfs Leben ist jedoch keine Voraussetzung um das Buch verstehen zu können; aber es ist durchaus spannend, sich weiter mit ihrer Person zu befassen. Sie liefert uns ein Beispiel dafür was es heißt, nicht zwischen den falschen Alternativen unterzugehen. Nicht den Realsozialismus zu verklären oder ihn als Beispiel für die Alternativlosigkeit des Kapitalismus zu nehmen. “Da war mir nun überhaupt kein Trost, dass hüben wie drüben widerständige Meinungen geahndet wurden. Dass die scheinbar tief gespaltene Welt sich in ihrer tiefsten Tiefe aus einer Wurzel speiste, also noch bedrohlicher war, als die meisten von uns es glauben wollten”.

Eine Generation musste zu leben lernen in der Welt des Konsums, gegen die sie versucht hatte eine andere aufzubauen. Christa Wolf ist nur eine von vielen Kommunist*innen, die nach dem Scheitern der DDR mit der Welt des Kapitals konfrontiert wurde. Sie verarbeitet diese Enttäuschung und ihre persönlichen Schuldgefühle, ihr eigenes Scheitern, in ihren Texten. ”Später Häme, Hohn und Spott, natürlich. Utopieverbot. Aber diese offenen, aufgerissenen Gesichter habe ich doch gesehen. Diese glänzenden Augen. Die freien Bewegungen. Sie wurden gestoppt, ja. Die Augen richteten sich bald auf die Auslagen der Schaufenster und nicht mehr auf ein fernes Versprechen. Die Roulettetische gewannen an Zulauf.”

Mit 414 Seiten liest sich das Buch bequem als Abendlektüre und bietet auch genug Punkte, mit denen man sich vertiefend beschäftigen kann. Welche Rolle spielt die Erinnerung und das Verdrängen in Christa Wolfs Leben und parallel in dem Leben der Protagonistin? Welche Konsequenzen können wir aus dem damaligen Scheitern ziehen? Solche großen Fragen diskutieren und beantworten sich am besten gemeinsam – komm zum Plaudern im Online Spieleabend oder zum Online-Politcafé in deiner Bezirksgruppe!


(1929 – 2011)

Mehr dazu:
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Leseprobe
Gespräch mit Christa Wolf (1993)
Online-Lesung (3 EUR)

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