Pride – Ein Lehrstück der Solidarität

ECKDATEN:

  • UK 2014, 120 Minuten:
  • Regie: Matthew Warchus
  • Mit: George MacKay, Ben Schnetzer, Imelda Staunton, Dominic West

London, 1984: Mark Ashton (Ben Schnetzer), schwuler Jungkommunist aus der Hauptstadt, hat ein für alle Mal genug: Als er die Nachrichten von Bergarbeiter-Streiks gegen die angekündigten Minen-Schließungen in Großbritannien hört, beschließt er, selbst aktiv zu werden und die Arbeiter bei ihrem Kampf gegen die Thatcher-Regierung zu unterstützen. Rasch versammelt er einige Getreue, die mit ihm Geld für die Gewerkschaftskämpfe im Rahmen der London Pride – einer sonst doch eher unpolitischen Parade – sammeln.

Der Kampf gegen die britische Premierministerin Margaret Thatcher ist für die Community der Schwulen- und Lesben-Bewegung der Insel nichts Neues – sie selbst erleben die Gewalt, mit der die “Iron Lady” ihre Polizei gegen die Kundgebungen der Schwulen- und Lesbenbewegung vorgehen lässt. Eine Gewalt, die sich nun auch gegenüber den Bergarbeitern zeigt.

Doch die Solidarität der Gruppe Lesbians and Gay Men Support the Miners (bekannt als LGSM) wird von der mächtigen Bergarbeitergewerkschaft NUM (National Union of Mineworkers) ebenso kritisch beäugt wie in der Lesben- und Schwulen-Bewegung Londons. Zu unsolidarisch waren bisherige Begegnungen, zu tiefe Gräben trennen die Lebensweisen der beiden Gruppen und so mancher der Londoner Aktivist*innen erinnert sich noch an die unangenehmen Begegnungen nach dem eigenen Coming Out in einem der nordenglischen Bergarbeiterdörfer.

Dennoch schaffen es die Aktivist*innen ihre Unterstützung anzubringen und nehmen über mehrer Umwege schließlich Kontakt zur Gewerkschaftsgruppe im kleinen walisischen Bergarbeiterdorf Onllwyn auf, wo ihre Hilfe nach einigem Zögern angenommen wird. Der Sprecher der Gewerkschaft des Dorfes, Dai Donovan (Patrick Considine) stattet der Gruppe zum Dank einen Besuch ab und beschwört in einer Lesben- und Schwulen-Bar die Solidarität zwischen den beiden gegensätzlichen Gruppen, die doch ein gemeinsamer Kampf und gemeinsame Feinde vereinen.

Auch wenn die Kooperation für beide Seiten ungewohnt ist, ist sie in Großbritannien kein absolutes Novum: Schon beim erfolgreichen Streik an den Grunwick Film Processing Laboratories keine zehn Jahre zuvor kam es in London zur Hand-in-Hand-Unterstützung der streikenden Arbeiterinnen durch Bergarbeitergewerkschaft und Schwule.

Doch mit Beginn der Thatcher-Ära 1979 hatte sich der innenpolitische Wind gedreht. Die Wirtschaft war nach dem Boom der Nachkriegsjahre abgeflaut, die Profitrate am Boden. Thatcher musste also dringend handeln um die Profitabilität des englischen Kapitalismus zu retten. Klares Hindernis dafür waren die erkämpften Sozialleistungen und hohen Löhne, die es für sie zu drücken galt. Nach dem erfolgreichen Bergarbeiterstreik 1974, dem folgend die damalige Regierung der Conservatives die Downing Street verlassen musste, drängten die Tories auf Rache: Noch einmal würde man sich nicht von einer einzelnen Gewerkschaft, die die Kohlereviere und damit die Energiezufuhr des ganzen Landes in der Hand hatte, erniedrigen lassen. Thatcher, die sich die Zerschlagung der britischen Gewerkschaften, zum Ziel erkoren hatte, konnte diese Gelüste befriedigen.

Thatcher beginnt Stück für Stück die Vorbedingungen für einen erneuten möglichen Sieg der mächtigen Bergarbeitergewerkschaft unter dem Sozialisten Arthur Scargill zu untergraben: Sie schränkt das Recht auf Solidaritätsstreiks ein und schnappt sich kleinere Gewerkschaftsfische als erste Beute – viele der Gewerkschaftsführer*innen gehen ihr mit einem Blick auf die schwindenden Gewerkschaftskassen auf den Leim und geben nach. Vorbereitet auf ihr letztes Gefecht hat Thatcher massiv Kohle gebunkert, um eine lange Streikphase der Minenarbeiter innenpolitisch zu überleben. Und: mit viel Polizeigewalt und nach knapp zwölf Monaten liegender Arbeit in den Minen, geht sie, der Solidarität der Lesben- und Schwulen-Bewegung zum Trotz, als Siegerin aus dem ungleichen Kampf hervor.

Pride, kurz nach Thatchers Tod 2013 in den Kinos angelaufen, zeichnet die Solidarität der kommunistisch-geprägten LGSM mit den sozialdemokratischen Bergarbeitern nach und deutet den tragischen Verlust des Bergarbeiterstreiks als einen kleinen Sieg der Solidarität, der seinen Höhepunkt in der Beteiligung der NUM an der London Pride 1985 – als Dank für die Unterstützung der LGSM – nimmt. Ein Jahr darauf wurden – auf Druck der Bergarbeitergewerkschaft – die Rechte von Schwulen und Lesben in das Parteiprogramm der Labour-Partei aufgenommen.

Regisseur Matthew Warchus hat einen wunderschön pathetischen Film geschaffen, den er mit Arbeiter*innenliedern, Witz und Leichtigkeit bestückt. So sind politische und habituelle Differenzen überraschend einfach zu überbrücken – wohl etwas auf Kosten der Lehren, die sich für politische Organisierung aus den Solidaritätsaktionen ziehen lassen würden. Umso schöner und motivierender fällt der Film dafür aus.

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