Morgenpost – 29. November

1. Und täglich grüßt das Murmeltier? Die nächste Covid-Mutation ist da

Waren es am Donnerstag noch vereinzelte Pressemeldungen, geht es seit Freitag Schlag auf Schlag. In Südafrika wurde eine neue verdächtige Mutation des Coronavirus gefunden, die WHO stufte die Variante schon als “besorgniserregend” ein. Diverse Staaten verschärften daraufhin die Einreisebestimmungen, doch offensichtlich ist die Variante bereits in Österreich angekommen. Einen konkreten Verdachtsfall gibt es schon in Tirol. 

Aktuelle Studien deuten darauf hin, dass “Omikron”, wie die neue Variante getauft wurde, deutlich ansteckender sei als die derzeit dominierende Delta-Variante und auch eine bestehende Immunität gegen die älteren Varianten durchbrechen könnte. Der einzige Lichtblick ist, dass die Infizierten bisher alle eher milde Verläufe haben. Da die Variante bisher aber vor allem in jungen Patient:innen gefunden wurde, kann aber nicht mit Sicherheit davon ausgegangen werden, dass die Variante generell nur harmlose Verläufe produziere. 

Dass die Variante genau in Südafrika gefunden wurde, ist kein Zufall. Abgesehen davon, dass das Land intensiv sequenziert, wurden in Südafrika bis jetzt nur rund 35 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft. Viele Expert:innen haben lange davor gewarnt, dass das Virus genau dort weiter mutieren würde, wo nur geringe Anteile der Bevölkerung durch die Impfung geschützt sind. Unter anderem deswegen wurde für den sogenannten TRIPS-Waiver plädiert, also dem Aussetzen von Patentrechten, um die Verteilung des Impfstoffes global zu erlauben.  Während die USA sich im Frühling schon vorsichtig für eine Aussetzung der Patentrechte aussprachen, sind die meisten europäischen Staaten, darunter auch Österreich, immer noch dagegen. 

Im Standard werden die wichtigsten Infos über die neue Variante zusammengefasst.    

Valentin Winkler spricht in einer alten Folge von Kein Katzenjammer über Impfpatente.

Lukas Oberndorfer und Oliver Prausmüller schreiben über die Gefahr der Impfstoff-Apartheid.

2. (Kein) Lockdown: Politik-Party bei „Licht ins Dunkel“

Vergangenen Mittwoch fand die jährliche „Licht ins Dunkel“-Spendengala des ORF statt. Mit dabei war alles, was in Österreich Rang und Namen hat. Der ORF verkaufte die Sendung als erbaulichen Lichtblick mitten im Lockdown. Den öffentlichen Reaktionen nach zu urteilen ist das jedoch nicht ganz angekommen. Während das ganze Land aufgrund des kolossalen Versagens der Regierung eingesperrt ist und lebenswichtige Operationen verschoben werden müssen, dürfen Politik und Promis vor laufender Kamera und ohne Mindestabstand zu Schlagern schunkeln und Selfies machen. Das bedeutet einen erneuten Vertrauensverlust in die Corona-Politik und wird sich auch in den Infektionszahlen niederschlagen. Verstöße gegen den Lockdown, die beim Pöbel mit Bußgeldern bestraft werden, gelten bei der Elite als nobel und gut.

Nicht nur dieses Jahr ist die „Licht ins Dunkel“.Gala eine Veranstaltung von zweifelhaftem Nutzen. Seit Jahrzehnten üben viele Menschen mit Behinderung Kritik am Format und werden beharrlich ignoriert. Menschen mit Behinderung werden zu bemitleidenswerten Fürsorgeobjekten degradiert, deren Leben ein einziges Trauerspiel wäre, wenn es nicht einmal im Jahr eine groß inszenierte Spendenaktion für sie gäbe. Menschen mit Behinderung brauchen aber keine mildtätigen Gaben, sondern Rechtsanspruch auf Teilhabe, die selbstverständlich mit öffentlichen Geldern ausfinanziert werden muss. Stattdessen kürzen dieselben Politiker:innen, die sich im ORF frisch getestet für ihre Wohltätigkeit feiern lassen, die ohnehin schon spärlichen Mittel weiter. Die Abschaffung der Mindestsicherung etwa trifft Menschen mit Behinderung besonders hart.

Die Krone kritisiert die umstrittene „Licht ins Dunkel“-Ausgabe der letzten Woche.

Der Standard über Kritik an „Licht ins Dunkel“ und den Rechtfertigungen des ORF.

Der Verein BIZEPS prangert die Schikanen gegenüber Menschen mit Behinderung, die versuchen, Sozialleistungen zu beziehen, an.

3. Spießiges Rebellieren: Was Esoterik erfolgreich macht

Ein knappes Jahr nach Einführung der Corona-Impfung zeichnet sich in Westeuropa ein klares Bild ab: Österreich, Deutschland und die Schweiz sind Schlusslichter bei der Impfquote; die deutschsprachigen Gebiete in der Schweiz und Italien heben sich in dieser Hinsicht negativ vom Rest des jeweiligen Landes ab. Dass die deutschsprachige Bevölkerung besonders skeptisch gegenüber der Medizin im Allgemeinen und der Impfung im Besonderen ist, lässt sich sicher nicht an einem einzigen Grund festmachen. Wesentlich für die Impfskepsis dürfte aber sein, dass esoterische Ansätze in der Pädagogik, Philosophie, Ernährung und eben auch der Medizin hier besonders verbreitet und akzeptiert sind. Dass beim Krankenhaus Nord in Wien für über 90.000 Euro ein Energetiker damit beauftragt wurde, einen Schutzring um das Gebäude zu legen, ist bei weitem kein Einzelfall. Über 17.000 Energetiker:innen gibt es in Österreich, die jährlich rund zwei Milliarden Euro umsetzen. Dazu kommen Branchen wie Homöopathie, Astrologie oder der Vertrieb esoterischer Literatur.

Eigentlich ist es verwunderlich, dass anti-wissenschaftliche Strömungen wie die Esoterik gerade in den letzten Jahren und Jahrzehnten an Konjunktur gewinnen: Noch nie zuvor waren wissenschaftliche Debatten und Fakten so leicht zugänglich wie heute. Doch gerade für Menschen, die persönliche Umbrüche oder Krisen erlebt haben, kann die Esoterik Sinn stiften und notwendige Erklärungen für die chaotischen und undurchsichtigen gesellschaftlichen Zusammenhänge im Kapitalismus bieten. Und weil sich biographische Brüche in der heutigen Arbeitswelt häufen, ist die Konjunktur der Esoterik wenig verwunderlich. Elemente davon lassen sich übrigens auch in der modernen Managementkultur und bei Investment- oder Karriere-Gurus haufenweise finden. Mehr zum Erfolg der Esoterik und linken Antworten darauf findet ihr in der aktuellen Folge von “Kein Katzenjammer”, dem jungen linken Podcast, mit Veronika Hackl und Flora Petrik.

Veronika Hackl erklärt in “Kein Katzenjammer”, dem jungen linken Podcast, was Esoterik so erfolgreich macht.

Die Rechercheplattform Addendum berichtet über das ambivalente bis freundliche Verhältnis zwischen Staat und Esoterik.

Die Sozialpsychologin Claudia Barth spricht darüber, wer warum von Esoterik abgeholt wird.