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Morgenpost – 24. August

1. Twittern statt handeln – die Coronastrategie der Regierung 

Die Zahl der mit dem Coronavirus infizierten steigt wieder und erreicht besorgniserregende Höhen. Doch nicht weniger beunruhigend ist der Umgang der Regierung mit der längst angekommenen “zweiten Welle”. Während seit Monaten davon gesprochen wird, dass Tests eine zentrale Strategie in der Pandemiebekämpfung sein müssen, herrscht aktuell ein Hick-Hack darüber, wer schlussendlich getestet wird und vor allem wer dafür zahlen muss. Erst vor wenigen Tagen wurde klargestellt, dass die 24-StundenpflegerInnen, die im Frühjahr sowohl getestet wurden als auch in Quarantäne mussten, die Kosten für die Tests rückerstattet bekommen. Dass großflächige gratis Testungen prinzipiell machbar sind, zeigt währenddessen Wien vor. In der Landeshauptstadt wurde über Nacht ein “Drive-in” hochgezogen, bei dem sich UrlaubsrückkehrerInnen gratis testen lassen können. Der Sommertourismus ist  eindeutig einer der Hauptgründe für die wieder ansteigenden Fallzahlen, doch auch hier ist die Bundesregierung auf einem Auge blind: Die von Kanzler Kurz ausgesprochenen Warnungen bezogen sich primär auf den Balkan und stilisierten MigrantInnen, die Familie besuchten als Feindbild, während sich zeitgleich der Wolfgangsee zum neuen Coronacluster entwickelte. Vor wenigen Tagen twitterte dann der Gesundheitsminister Anschober, dass sich die jungen Leute einfach “zamreißen” sollen. Es ist unübersehbar, dass junge UrlauberInnen gerade zentral sind in der Ausbreitung des Coronavirus, doch auf Eigenverantwortung zu pochen ist keine Seuchenstrategie. Anstatt große Reden zu schwingen, wäre es dringend an der Zeit eine Strategie für den Winter zu entwickeln und auch hier hat die Bundesregierung einiges versäumt:. Während nämlich vor Monaten schon davon gesprochen wurde, dass es wichtig wäre, dass dieses Jahr mehr Menschen gegen Grippe geimpft werden und die Bereitschaft dafür auch angestiegen ist, hat der Bund verabsäumt, dafür auch mehr Impfstoff zu bestellen als in den letzten Jahren. 

Ein ORF-Bericht über die Engpässe beim Grippeimpfstoff

Der Standard berichtet über den Test „Drive-In“ in Wien

Ab 4. September kommt eine Corona-Ampel in Österreich

2. Selbstbestimmung und Sexismus in Einem – 60 Jahre Anti-Babypille

Die Erfindung der Pille war ein wichtiger Schritt für die Selbstbestimmung von Frauen über ihren eigenen Körper. Die Fähigkeit selbst zu entscheiden ob und wann man ein Kind möchte war und ist revolutionär. Die US-Amerikanische Frauenrechtlerin Margaret Sanger hatte die Idee schon in den 1920er Jahren, und hat 1951 über eine vermögende Biologin genug Geld für ihre Entwicklung aufgestellt. 1960 kam sie dann zuerst in den USA, dann in Europa auf den Markt.

Die Pille hat damals polarisiert: Sie ist auf große Ablehnung gestoßen, und wurde gleichzeitig als Befreiung der Frau bejubelt. Dazu kommt, dass sie auch heute in weiten Teilen der Welt leider immer noch nicht verfügbar ist.

Doch die Pille ändert nichts daran, wer für Geburten, Kindererziehung und Verhütung verantwortlich ist. Das liegt immer noch bei der Frau. Die Pille für den Mann hingegen scheitert seit Jahren an den vermeintlich unzumutbaren Nebenwirkungen, die sie hat., fast genau die gleichen übrigens, wie die der Pille für die Frau. Dazu gehören ein erhöhtes Risiko für Schlaganfälle, Gewichtszunahme, Schlappheit, Depressionen und die verringerte oder nicht mehr existente Lust auf Sex. Theoretisch macht letzteres die Pille dann absurd. Wer braucht schon Verhütungsmittel, wenn sie gar keine Lust mehr auf Sex hat? Die traurige Wahrheit ist aber, dass dem erst in den letzten Jahren mehr Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Denn weibliche Sexualität und Lust waren lange ein absolutes Tabuthema, einfach nicht existent. In unserer Gesellschaft muss auch nach wie vor jede Frau dagegen ankämpfen das Gefühl zu haben, dass es beim hetero Sex meist nur um den männlichen Partner und seine Befriedigung geht, und lernen, dass sie selbst auch Bedürfnisse hat und haben darf. Frauen brauchen mehr Unterstützung ihre Bedürfnisse wahrzunehmen und diese einzufordern: Beim Sex genauso wie im Job und anderen Aspekten der Gesellschaft. 

Kein Katzenjammer: Der junge linke Podcast zum Jubiläum der Anti-Babypille 

Die Oberösterreicherin zum Jubiläum der Anti-Babypille

Ein kurzes Video dazu vom ARD 

3. Alles wird teurer: Inflation als heimlicher Raub an den Arbeitenden

Die österreichische Inflationsrate liegt für den vergangenen Juli bei 1,7 Prozent. Das heißt, dass fast 800 unterschiedliche Waren und Ausgaben, von der Matratze über Lebensmittel bis zur Kinderbetreuung, im Schnitt seit dem Juli 2019 um diesen Anteil teurer geworden sind. Da die Inflation eine Durchschnittsrate ist, werden unterschiedliche Menschen von ihr verschieden stark getroffen. Benzin ist deutlich billiger geworden. Doch der tägliche Einkauf von Lebensmitteln ist um ganze 3,9 Prozent teurer geworden – mehr als doppelt so stark wie die Gesamtinflationsrate! Arbeitslose und andere, die sich wenig mehr als das Nötigste und erst recht kein Auto leisten können, werden von der Inflation erheblich härter getroffen. Das Arbeitslosengeld wird seit 2000 nicht einmal mehr an die Durchschnittsinflation angepasst, also jährlich praktisch gekürzt.

Bei den jährlichen Lohnverhandlungen zwischen Gewerkschaften und Unternehmen ist die Teuerungsrate üblicherweise das absolute Minimum, um das der Lohn „erhöht“ werden soll. Auch hier gibt es aber Arbeitende, deren „persönliche Teuerungsrate“ unter oder auf dem Durchschnittsniveau liegt und solche, deren Rate darüber liegt. Eine Erhöhung um das Durchschnittsniveau wäre für diese immer noch eine Lohnkürzung. Die Unternehmen werden in der Herbstlohnrunde mit der Leier der Corona-Krise und dem nationalen Schulterschluss versuchen, substantielle Lohnerhöhungen zu verhindern. Die starke Teuerung bei Gütern des täglichen Bedarfs zeigt, wie wichtig es ist, Lohnerhöhungen zu erkämpfen, die über die Teuerungsrate hinausgehen – und sich nicht nur auf den Erhalt von Arbeitsplätzen zu beschränken. 

Der Standard über die aktuelle Inflationsrate und ihre ungleiche Verteilung

Die schwierige Ausgangslage für die diesjährige Herbstlohnrunde am Beispiel der Metallarbeitenden 

Ein Artikel über die „persönliche Inflation“, die Arme härter trifft als Reiche

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