Morgenpost – 17. August

1. Arbeiten unter Corona: Alte und neue Gefahren für die Arbeitsrechte

Home Office wird immer verbreiteter und wohl auch nach Corona bleiben. Bei den Lohnarbeiter*innen kommt die Möglichkeit zum Home Office oft gut an. Schließlich kann man die Arbeit so stärker nach den eigenen Bedürfnissen ausrichten. Unternehmer*innen stellen erfreut fest, dass Arbeiter*innen im Home Office oft produktiver sind. Angesichts der Krise kann man so auch Kosten einsparen: Weniger Büros bedeutet geringere Mietkosten.

Was jedoch einerseits bedeutet, dass man Privates und Berufliches besser vereinbaren kann, birgt andererseits die Gefahr, dass Privat- und Berufsleben verschmelzen. Einzelne Stimmen fordern bereits noch flexiblere Arbeitszeiten, denn man muss ja jetzt nicht mehr ins Büro zum Arbeiten. Kostenfragen sind offen: Muss man sich den Bürostuhl selber zahlen? Wer übernimmt die Heizkosten? Ist man unfallversichert, wenn man beim Kaffeeholen ausrutscht? Dass Privates und Beruf so schwer vereinbar sind, liegt schließlich nicht nur am Arbeitsort, sondern vor allem an der viel zu hohen Arbeitszeit.

Viele Arbeiter*innen, etwa in Produktion und Einzelhandel, haben gar nicht die Möglichkeit auf Home Office. Diese setzen sich einem erhöhten Infektionsrisiko aus, aber nicht einmal eine regelmäßige „Maskenpause“, wie von der Gewerkschaft gefordert, wird ihnen gegönnt. In der Industrie kommt auf engem Raum bei schlechter Luft neben der gewohnten Ansammlung an körperlichen Folgeschäden, die häufig nicht als Berufserkrankungen anerkannt werden, nun auch eine Pandemie als Gesundheitsrisiko dazu. Corona ist der Auftakt zu einem verschärften Kampf um Arbeitsbedingungen, zeigt aber auch, was bereits lange vorher im Argen lag.

Der Standard über die neuen Ungerechtigkeiten und Belastungen durch das Home Office
ZackZack über die von der Gewerkschaft erhobene Forderung nach einer regelmäßigen Maskenpause im Einzelhandel und ihre Ablehnung durch die üblichen Verdächtigen
Der A&W blog über die extrem lückenhafte Definition von „Berufskrankheiten“, die demonstriert, wie weit es her ist mit der Sorge um die Gesundheit der arbeitenden Menschen

2. Lisa Eckhart: Plumper Antisemitismus oder Gesellschaftskritik?

Ein Auftritt der Kabarettistin Lisa Eckhart hat in der vergangenen Zeit hohe Wellen geschlagen. Die Künstlerin greift darin auf das komplette Arsenal judenfeindlicher Klischees zurück und macht sich über die verschiedensten von Diskriminierung betroffenen Gruppen lustig. Seitdem ist quer durch die Medienlandschaft eine Debatte über politische Korrektheit und die sogenannte „cancel culture“, also die Absage von politisch nicht genehmen Veranstaltungen, entbrannt. Die Diskussion hat sich aber recht schnell vom eigentlichen Auslöser entfernt: Um den tatsächlichen Auftritt von Lisa Eckhart, ihren eigenen Anspruch dahinter und mögliche Kritik daran geht es kaum mehr. In der aktuellen Folge von „Kein Katzenjammer“, dem jungen linken Podcast, widmet sich Sarah Pansy deswegen genau diesen Fragen.

Lisa Eckhart geht es darum, wie sie in mehreren Interviews betont, ihrem linksliberalen Publikum einen Spiegel vorzuhalten. Die Selbstgefälligkeit und den Moralismus jener Linksliberalen, die sich gerne von den vermeintlich ungebildeten Rechten abgrenzen, möchte sie durch ihre Tabubrüche offenlegen, wodurch möglichst viele Menschen zum Reflektieren angeregt werden sollen. Indem Lisa Eckhart aber meint, dass ihr Publikum – im Gegensatz zu den Rechten – durch schockierende Beträge dazu gebracht werden kann, die eigenen Vorurteile abzulegen, verfällt sie selbst einem linksliberalen Irrglauben. Tatsächlich bietet die Kabarettistin ihrem Klientel erst recht wieder Gelegenheiten, sich beim Schenkelklopfen überlegen zu fühlen und die dargestellten Widersprüche als Probleme der anderen zu sehen. Eine umfassende Analyse von Lisa Eckharts Auftritt und dem dahinterstehenden Politikverständnis findet ihr in der aktuellen Folge von „Kein Katzenjammer“.

Kein Katzenjammer, der junge linke Podcast, zur Diskussion um Lisa Eckhart
Ein Interview der Wiener Zeitung mit Lisa Eckhart über die aktuelle Debatte
Ein Kommentar der Jüdischen Allgemeine zu Lisa Eckharts Auftritt

3. US-Wahlen: Kamala Harris als Rückschlag für den Antirassismus?

Mit der Demokratin Kamala Harris hat nun das erste Mal in der US-Geschichte eine nicht weiße Frau Aussicht auf das Amt der Vizepräsidentin. Ein antirassistischer Meilenstein also? Viele sind hier skeptisch: Kamala Harris war nämlich ab den 90ern zuerst Staatsanwältin und dann Generalstaatsanwältin in Kalifornien, einem US-Bundesstaat mit besonders aggressiver Law-and-Order Politik und prall gefüllten Gefängnissen. Ab Ende der 1970er-Jahre hat sich die Anzahl der Gefängnisinsass*innen in nur 30 Jahren verachtfacht. Dabei machen Schwarze in den Gefängnissen einen fünfmal so großen Anteil aus wie in der kalifornischen Bevölkerung. Die Senatorin hat als höchste Justizbeamtin des Bundesstaates das rassistische Justizsystem zwar nicht erfunden, aber auf jeden Fall mitgetragen und auch zu Fragen wie der Todesstrafe keine klare Position eingenommen. Es ist also verständlich, dass Viele Kamala Harris nun als Teil des Establishments sehen, das nichts am rassistischen System in den USA ändern wird.

Tatsächlich geht das Problem noch viel tiefer: In den 1970er-Jahren wurden AfroamerikanerInnen besonders hart von der schwierigen wirtschaftlichen Situation getroffen: Sie waren am häufigsten arbeitslos und konnten – anders als die weiße Mittelschicht – nicht einfach aus den heruntergekommenen Innenstädten fliehen. Auf das Entstehen solcher Ghettos mit wenigen Perspektiven und viel Kriminalität reagierten Demokraten und Republikaner mit eben jener Law-and-Order Politik, von der schon die Rede war und die die rassistische Diskriminierung noch weiter verschärfte. Diese Mischung aus Verzweiflung angesichts der wirtschaftlichen Situation und massiver Repression durch die Polizei – zwei Dinge, die eng miteinander zusammenhängen – war es auch, die nach dem Mord an George Floyd unzählige Menschen auf die Straßen trieb. Die wirtschaftlichen Ursachen der rassistischen Unterdrückung werden von der Demokratischen Partei weiterhin mitgetragen, auch die Nominierung von Kamala Harris wird daran nichts ändern.

Lukas Egger analysiert die Klassendynamik hinter den „Black Lives Matter”-Protesten
Hintergrundbericht der Los Angeles Times zur Law-and-Order Politik in Kalifornien [Englisch]
Der Kurier spricht von der Nominierung Kamala Harris’ als einem historischen Zeichen