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Junge Linke

Gemeindebau: Wien baut für das Bauvolk der kommenden Welt

Im Zuge unserer Kampagne “Ihr verbaut uns unsere Zukunft, wir bauen sie wieder auf” ist uns viel Zuspruch für unsere Forderungen aber auch Ablehnung begegnet. Die Ablehnung bezog sich auf den Gemeindebau selbst, der bei vielen keinen guten Ruf genießt. Und wirklich, schaut man sich vor allem die kleineren Wiener Gemeindebauten der Nachkriegszeit an, mit ihren grauen und meist lange nicht renovierten Fassaden, erscheint die Idee des Gemeindebaus sehr trist. Aber das hat weniger mit der Idee des Gemeindebaus und mehr mit dem Aufgeben dieser Idee durch die SPÖ zu tun. Gemeindebauten und der Gedanke sie im großen Stil errichten zu lassen, waren nicht nur ein bloßes Bekenntnis zu “sozialem Wohnbau”, sondern sie standen für den Anspruch einer sozialistischen Partei und  Bewegung, die Gesellschaft umfassend zu gestalten und zu verändern.

Das war der Gemeindebau

Gemeindebauten werden heute vielfach als Sozialbauten aufgefasst und als Wohnort der Armen geschmäht. Neben der Verachtung gegenüber anderen gesellschaftlichen Gruppen wird damit die Grundidee des Gemeindebaus verdeckt. Es war der Versuch, eine gesellschaftliche Infrastruktur aufzubauen, die nicht nur sozial Schwächeren einen leistbaren Ort zum Leben bietet, sondern ihn so attraktiv zu machen, dass auch Leute dort leben wollen, die ihn nicht brauchen. Von Kindergärten, Schulen und Bibliotheken, zu Lebensmittelgenossenschaften, Waschküchen, Parteilokalen und ÄrztInnenen. Die Gemeindebauten boten die beste Infrastruktur im selben Haus. Und während in privaten Altbauten oft über 95% der Grundfläche verbaut wurden, schafften die Gemeindebauten mit einer Bebauung von nur 18% der Grundfläche, wie etwa beim Karl-Marx-Hof, Sonne, Luft und Licht in den Wohnungen und Platz für Parks, Spielplätze und Erholung.

Um den Bau der Gemeindebauten zu finanzieren, wurde eine Wohnbausteuer eingeführt. Die Wohnbausteuer mussten zwar alle MieterInnen bezahlen, allerdings war sie so gestaffelt, dass man für kleine Wohnungen kaum Steuern zahlte, während Luxuswohnungen sehr sehr stark besteuert wurden. Der absolute Großteil der Einnahmen der Wohnbausteuer kam von Luxuswohnungen der Reichen. Diese Wohnbausteuer ermöglichte, dass die Stadt Wien ohne die teure Aufnahme von Krediten innerhalb von 10 Jahren 65.000 Wohnungen bauen konnte.

Der Sozialismus im Gemeindebau

Zu ihrer Blütezeit in den 20er Jahren war noch klar erkennbar, welches Ziel die Sozialdemokratie in Österreich mit den Gemeindebauten umzusetzen versuchte: Sie setzte die Gemeindebauten in die Welt, und stellte damit wortwörtlich eine ihrer zentralen Ideen in den städtischen Raum: Die Sozialdemokratie hatte damals noch den politischen Anspruch, aktiv auf das Zusammenleben einzuwirken und mit dem Gemeindebau als Ort des leistbaren Wohnens einen Ausgangspunkt zur Verfügung zu stellen, der die Organisierung eines besseren Alltagslebens und gemeinsames Handeln für gesellschaftliche Veränderung ermöglichen sollte.

Die Strategie der Wiener SPÖ war reformistisch in dem Sinn, dass sie ihre politische Macht weitgehend auf den errungenen Mandaten aufbaute. Damit ging eine Unterschätzung der Organisation der sozialistischen Bewegung, des Weitertreibens des gesellschaftlichen Bewusstseins und eine Beschränkung ihrer Handlungsoptionen einher. Aber ihr Ziel innerhalb der kapitalistischen Verhältnisse war parteiisch: So war einerseits ihr Ziel, gegen die Profitlogik der Kapitalinteressen vorzugehen, und die Wohnungsfrage nicht mehr vom Markt lösen zu lassen. Der Einfluss des Kapitals auf die Lebensbedingungen der Menschen sollte zurückgedrängt werden. Gleichzeitig war sie sich der Problematik bewusst, dass die Arbeitenden immer noch von ihren Kapitalisten abhängig waren. Deshalb setzte man nicht auf höhere Löhne, die Arbeitsplätze bedroht hätten, sondern auf leistbare Infrastruktur.

Die Verabschiedung von der politischen Gestaltung

Heute hat die Sozialdemokratie mit diesen Überlegungen nichts mehr am Hut. Sie redet nicht mehr von Gemeindebauten als Erfolgsmodell, höchstens wenn sie kosmetische Nachbesserungen oder den Neubau von 4.000 neuen Gemeindewohnungen verkündet – die den Bedarf in Wien nicht ansatzweise decken. Man hat vielmehr das Gefühl, die Führung der Sozialdemokratie ist froh, aus dem Gemeindebau aufgestiegen zu sein. Jedes Mal, wenn die Parteivorsitzende erwähnt, wo sie aufgewachsen ist ruft sie das Bild einer vermeintlich deklassierten Welt auf. Anstatt darauf zu bestehen, dass es normal und richtig ist, kommunalen Wohnbau zu bevorzugen, will auch die SPÖ den Menschen von dort weg helfen.

Damit wurde aus dem Erfolgsprojekt der österreichischen Sozialdemokratie gleichzeitig ein Sinnbild ihres Scheiterns. Auch heute könnte man dieses  Projekt weiter verfolgen und Gemeindebauten im 21. Jahrhundert attraktiv für alle Schichten machen. Auch heute könnte kommunale Politik als ein zentraler Baustein für eine bessere Welt begriffen werden. Die SPÖ hat eben diesen Anspruch auf gesellschaftliche Transformation längst aufgegeben. Ihr ist der gesellschaftliche Gestaltungswille abhanden gekommen und sie kann und will sich meist nicht einmal dazu durchringen, die sozial Abgehängten zu stützen sondern macht Politik für die Mittelschicht.

Der Gemeindebau – Möglichkeiten und Potentiale

Der Gemeindebau will eine andere Art des Lebens ermöglichen und fördern. Das Leben der Menschen soll nicht darin aufgehen, sich abzurackern um ein sicheres Stück Eigentum zu erwerben. Nicht isoliertes Wohnen hinter der Thujenhecke, sondern größtmögliche Effizienz bei der Bewältigung des Alltags und schönst mögliche Möglichkeiten für die Freizeit sollen demnach die Norm der Gesellschaft werden. Der Gemeindebau ist insofern anschlussfähig an die zahlreichen Fragen der Geschlechtergerechtigkeit.

Damit ist aber auch klar, was der Gemeindebau nicht von selbst ist, sondern was man als politische Kraft mit dem Anspruch der gesellschaftlichen Veränderung aus ihm machen kann und auch muss:  Er ist nicht nur Ort leistbaren Wohnens, sondern der Ort an dem sich der Anspruch, sich kommunal statt individuell zu reproduzieren, manifestieren kann. Der Gemeindebau ist ein Mittel des Gestaltungsanspruchs der Linken an Freiheits- und Reproduktionsmöglichkeiten der Menschen. Er steht für den Versuch, mit konkreten politischen Entscheidungen das Leben von Menschen kurzfristig zu verbessern und gleichzeitig die gesellschaftlichen Verhältnisse zu ändern.

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