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Ganz nach dem Motto: Friss oder Stirb

Vergangene Woche wurde bekannt, dass die Fitness-Kette „Fitinn“ einen Großteil ihrer Angestellten in unbezahlte Karenz schicken will, nachdem die Studios geschlossen werden mussten. Um zu erfahren, was das für die einzelnen Mitarbeiter*innen bedeutet, haben wir mit der Fitinn-Mitarbeiterin Anna (Name geändert) gesprochen.

Junge Linke: Magst Du uns zu Beginn einmal erzählen, was in den letzten Wochen bei dir in der Arbeit passiert ist?

Anna: Ich bin seit fast zwei Jahren bei einem Fitinn-Studio als Rezeptionistin angestellt. Am 13. März wurde in einer Pressekonferenz erklärt, dass alle Fitness-Studios in Österreich geschlossen werden. Zu diesem Zeitpunkt, also schon vor dieser Pressekonferenz, waren schon am schwarzen Brett in den Studios ein paar allgemeine Infos zum Coronavirus angebracht. Und da stand unter anderem, dass wir weiterhin bezahlt werden, wenn die Studios schließen müssen. Am selben Abend bekamen wir dann noch eine Mail von unserem Studioleiter, dass wir wirklich schließen, aber ganz normal weiterhin bezahlt werden, und mein Studioleiter hat mir das auch nochmal persönlich versichert.

Und Du arbeitest dort geringfügig?

Ja, genau. Die Struktur bei Fitinn ist so: Es gibt immer einen Studioleiter oder -leiterin und einen Stellvertreter oder eine Stellvertreterin. Die sind Vollzeit und immer Montag bis Freitag im Studio. Alle anderen Mitarbeiter, das sind circa 500 in ganz Österreich, sind geringfügig. Ein Studio hat so zirka ein Dutzend geringfügige Mitarbeiter und zwei bis drei Vollzeitstellen. 

Wie ging es danach weiter?

Am 17. März kam dann eine Mail von allen Studioleitern mit einer Nachricht der Zentrale. Da stand drin, dass Fitinn eine unbezahlte Karenz vereinbaren will. Im Anhang war das Formular dazu, dass wir bis spätestens am nächsten Tag um 18 Uhr ausgefüllt und unterschrieben retournieren sollten. Wir hatten also ein bisschen mehr als 24 Stunden, um uns das zu überlegen. Datiert war das Formular komischerweise mit dem 16.3., das wollten sie auch nach mehreren Rückfragen nicht ändern. Und diese Karenz sollte mit Ende der behördlichen Schließung wieder enden. 


Was hast du gedacht, als du diese Mail gesehen hast?

Ich habe mir gedacht: Ja, super! [Anm.: ironisch] Das war so klar, dass die sich was sparen wollen. Es bedeutet ja im Endeffekt, dass sie sehr listig versuchen, uns dazu zu bringen, auf unsere Ansprüche zu verzichten. Die sind ja auch nicht dumm, sondern wissen, dass sie per Gesetz fortzahlen müssten. Aber für mich war von Anfang an klar: Lieber nehme ich die Kündigung hin und bekomme meinen Lohn die sechs Wochen bis zum Ende der Kündigungsfrist voll ausbezahlt, als dass ich diese Karenz unterschreibe. Weil: Wer weiß, wann das Studio wieder aufsperrt? Es schaut nicht so aus, als würden wir im April oder im Mai wieder aufsperren. Die meisten von den Geringfügigen sind Studenten. Die leben von diesem Geld. Es ist einfach so eine Frechheit. Deswegen habe ich auch versucht, meinem Team klarzumachen: Ihr dürft’s nicht davon ausgehen, dass wir nur bis Anfang April zu haben. Das wird länger dauern und ihr steht’s dann mit null Euro da, wenn ihr es unterschreibt‘s. Und wenn ihr es einmal unterschrieben habt‘s, dann seid ihr daran gebunden.

Wie hat sich euer Chef dann weiter verhalten?

Unser Chef hat, so wie alle Studioleiter und -innen, am nächsten Tag noch einmal seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angerufen wegen der Unterschrift. Nicht alle Studioleiter haben gedroht. Kollegen aus anderen Studios haben mir berichtet, dass ihr Chef sie sehr eindringlich gebeten hat zu unterschreiben, aber betont hat, er will niemanden kündigen. Andere haben erzählt, dass sie noch am selben Abend, als die Mail rausgegangen ist, vom Studioleiter angerufen wurden, der gesagt hat: „Unterschreib das jetzt sofort, denn wer nicht unterschreibt, wird gekündigt.“ Das haben dann leider auch viele gemacht, weil sie einfach Angst hatten, weil sie unter diesem Zeitdruck nicht rational entscheiden konnten. Bei manchen Studios wurde auch schon in der Mail mit Kündigung gedroht, falls man nicht unterschreibt. Ich habe mit Leuten mehreren Studios geredet und es war überall eine andere Vorgehensweise, aber die meisten wurden sehr stark unter Druck gesetzt. 

Welche Optionen hast du für dich in dem Moment gesehen, auch was Informationsbeschaffung anlangt?

Ich habe mittlerweile sicher schon mehrmals mit der Arbeiterkammer telefoniert und alle möglichen Fragen besprochen. Viele Mitarbeiter hatten Angst, dass Betriebe zwar weiterzahlen müssen, dass diese Pflicht aber für Geringfügige nicht gilt. Also habe ich angerufen und die Antwort war: Ja, das gilt auch für Geringfügige. Und können sie uns jetzt einfach kündigen und nichts zahlen? Nein, natürlich nicht. 

Wie lief denn die Kommunikation mit Fitinn selbst?

Es war einfach keine vernünftige Kommunikation möglich. Man hatte nur die Möglichkeit, den Studioleiter anzurufen und dem zu glauben. Von der Personalabteilung oder von der Geschäftsführung erreicht man ja niemanden. Ein Studio hat mal mit ihrem Regionalleiter telefoniert, weil die Mitarbeiter sich lange gewehrt haben, die Karenzierung zu unterschreiben. Aber die Sache ist dann auch so ausgegangen, dass der Regionalleiter denen zugesichert hat, dass, wenn ihnen letztlich rechtlich mehr zustehen würde, dann wäre die Karenz natürlich nichtig und dann haben sie es unterschrieben. Jetzt haben sie halt alle ihre Ansprüche aufgegeben, weil mit der Unterschrift ist es rechtlich gültig, das hat mir die Arbeiterkammer auch gesagt.

– „Gemeinsam sind wir stark“ verkünden Fitinn zynischerweise auf ihrer Facebookseite –

Was passiert eigentlich für die Kund*innen von Fitinn?

Die Mitgliedsbeiträge werden weiterhin eingezogen, Fitinn will aber zusätzlich die Personalkosten haben. Es ist eh verständlich, dass sie Einnahmen brauchen, das macht ja auch die Konkurrenz so. Auch andere Fitnessstudios kriegen die Mitgliedsbeiträge weiter, aber die legitimieren das halt dadurch, dass sie ihre Mitarbeiter halten und bezahlen wollen. Und FitInn zieht die Beiträge einfach ein, damit sie mehr Einnahmen haben, und will aber alle Mitarbeiter karenzieren.

Die anderen behalten ihre Mitarbeiter*innen?

Es scheint so. Ich habe ein bisschen herum geschaut auf den Facebook-Seiten der anderen. Auf der Facebook-Seite von Fitinn ist es ja voll los gegangen. Die Mitglieder haben gepostet, dass sie zahlen müssen, andere haben geschrieben, dass die Mitarbeiter nicht bezahlt werden. Und ich habe geschaut, ob das bei den anderen Seiten auch so ist und da stand das nirgends, im Gegenteil haben dort manche darunter gepostet, die gesagt haben, dass sie Mitarbeiter sind und dass sie weiterbezahlt werden. 

Was hättest Du dir denn gewünscht von Fitinn?

Einerseits war es lächerlich, dass sie die Karenz einfach so ausgeschickt haben nach dem Motto „Friss oder stirb“. Es gab keine wirklich vernünftige Begründung dazu, keinen Verhandlungsspielraum, dann auch diese Formulierung als „einvernehmliche“ Karenz.

Es kam dann aber noch ein neuer Vorschlag von Fitinn, oder?

Ja, genau: Vor ein paar Tagen bekamen wir eine Email von Fitinn weitergeleitet, wonach der Fitinn-Geschäftsführer aus eigener Tasche eine selbst erfundene Kurzarbeit für Geringfügige* anbietet. Das sollten wir dann bis zum Freitag um 12 Uhr unterschrieben zurückschicken. Bei dieser selbst erfundenen Kurzarbeit hat man die Wahl, entweder das halbe Gehalt weiter zu erhalten, muss aber dafür danach jeden Monat 15 Stunden einarbeiten oder man bekommt jeden Monat ein Viertel des Gehaltes – das sind 105 Euro – und muss nichts nacharbeiten. Und das ginge auch, wenn man schon zur Karenz eingewilligt hat. Aber egal welche Variante man wählt: Selbst wenn man da einwilligen würde, würde man maximal 315 Euro bekommen, die man nicht im Nachhinein wieder einarbeiten muss, weil diese „Kurzarbeit“ maximal drei Monate geht. Ich habe dann sofort wieder die Arbeiterkammer angerufen und gefragt, was sie dazu sagen. Und der Berater hat am Telefon förmlich geschrien: „Nein, nein, nein!“ Er hat mir gesagt, was ich ihm da vorlese ist absolut sittenwidrig und ich soll das auf gar keinen Fall unterschreiben. Wenn der Arbeitgeber jemanden auf Kurzarbeit anmelden will, dann soll er das machen, aber gefälligst so, wie das von den Sozialpartnern erarbeitet wurde. 

– Fitinns „Kurzarbeit für Geringfügige“ –

Wie gehen deine Kolleg*innen mit der ganzen Sache um?

Es gab am Anfang echt sehr viele, die gesagt haben, sie wollen das nicht unterschreiben, aber nach und nach haben viele gesagt, sie haben die Karenzierung doch unterschrieben. Ich fand das schade und habe gefragt warum. Einer hat dann einfach gesagt, dass es in seinem Team schon alle anderen unterschrieben haben und wenn er dann nicht unterschreibt, ist es sehr klar, dass er gekündigt wird. Und ich muss ihm da auch recht geben: Es ist schwierig und es würde wahrscheinlich so enden, dass er als einziger gekündigt wird.

Wie ist deine aktuelle Situation, wie ist es für dich?

Für mich ist es auch ur knapp. Ich bin noch Studentin und gerade im letzten Semester und der Job bei Fitinn ist meine Haupteinnahmequelle. Ich habe noch einen zweiten Job, wo ich 100 bis 200 Euro im Monat bekomme, aber davon kann ich meine Miete nicht zahlen. Ich habe das Glück, dass mich meine Eltern unterstützen könnten, wenn Fitinn sich wirklich weigert zu zahlen, oder das länger dauert, aber es ist finanziell einfach eine Katastrophe, auch für alle anderen in meinem Team. Es gibt in manchen Studios auch Leute, die keinen freien Zugang zum Arbeitsmarkt haben, weil sie keine EU-Bürger sind, und die müssen Ende des Jahres 6.000 Euro am Konto vorzeigen können, damit sie das Visum weiter bekommen. Und für die ist das natürlich ein Super-GAU.

Gab es noch weitere Vorschläge für die Situation?

Das Lustigste – unter Anführungszeichen – war, dass die Studioleiter gesagt haben, dass das halt so ist aktuell und dass wir keinen Lohn bekommen für April, aber wir könnten uns ja bei Rewe anmelden, weil die ja gerade ganz viele Mitarbeiter suchen. Das sehe ich aber überhaupt nicht ein, ich hab‘ ja einen Job, aber mein Arbeitgeber will mich gerade im Regen stehen lassen – was ist denn das für ein Blödsinn? Das war echt ein wunderbarer Tipp: Schaut’s halt zum Rewe! Als würden nicht genug andere Leute in Österreich auch gerade Job suchen. 

Was sind jetzt deine weiteren Schritte?

Ich unterschreibe auch dieses neue Dokument definitiv nicht, weil ich einfach weiß, dass ich selbst mit einer Kündigung mehr rausbekomme als mit einer von diesen erfundenen Kurzarbeit-Varianten.

Danke für das Gespräch Anna und alles Gute weiterhin!

*Die aktuell viel zitierte Kurzarbeit ist ein Programm, das Kündigungen vermeiden soll und Unternehmen helfen soll, ihre Mitarbeiter*innen zu behalten, ohne durch die Lohnzahlungen für diese Mitarbeiter*innen so hohe Verluste zu machen, dass Unternehmen Pleite gehen. Es funktioniert so: In einer Krisensituation wie der aktuellen Pandemie reduziert der/die Arbeitgeber*in die Arbeitszeit der Angestellten und zahlt dafür auch weniger Gehalt aus, allerdings zahlt dafür das Arbeitsmarktservice (AMS) eine Kurzarbeitsbeihilfe dazu, wodurch Angestellte bis zu 90% ihres Gehaltes weiter bekommen. Der Haken an der Sache ist: Geringfügig Beschäftigte, also Personen, die in ihrer Arbeit nicht mehr als 460 Euro verdienen, können diese Beihilfe vom AMS nicht bekommen.

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