fbpx

Das Corona-Virus als Totengräber der freien Kulturszene?

Ein Interview mit Thomas Diesenreiter von der KUPF OÖ (Kulturplattform Oberösterreich) über die Herausforderungen, Risiken und evtl auch Chancen der freien Kunst- und Kulturszene in Oberösterreich während der Corona-Krise aus der Perspektive eines politisch aktiven Linzer Kulturarbeiters. Wir beleuchten die Corona-Krise und ihre Auswirkungen zwischen neoliberalen Zwängen, die sich auch in den “Kompensationsmechanismen” der österreichischen Bundesregierung niederschlagen, wie an den Hilfspaketen zu erkennen ist, die verstärkt Großunternehmen zugute kommen. Hinzu kommt die rechts-konservative Politik der oberösterreichischen Landesregierung (ÖVP-FPÖ), die gleichzeitig als Fördergeber die Anlaufstelle Nummer 1 für die meisten Kunst- und Kulturschaffenden sowie Kulturvereinen und -initiativen darstellt. Sowohl im Bereich von unselbständig arbeitenden Menschen als auch für freischaffende Künstler*innen.


Junge Linke: Zum Einstieg eine Frage zur Bedeutung von Kunst und Kultur: Nachdem in der Corona-Krise Kulturschaffende von der Regierung extrem lange einfach ignoriert wurden, haben Künstler*innen eine Kampagne gestartet. Die Botschaft war: Kunst & Kultur ist wichtig. Ohne uns ist es dunkel und still. Damit man von Kunst und Kultur in Oberösterreich ein bisschen einen Eindruck bekommt. Was wäre in Oberösterreich, wenn es keine Kunst und Kultur gäbe? Was gäbe es dann alles nicht? Warum braucht es Kultur in der Gesellschaft?

Diesenreiter: Kunst und Kultur hat viele Funktionen: Wir reflektieren so unsere Gesellschaft, unser eigenes Sein, wir suchen Zerstreuung, Unterhaltung und Lust, und auch der soziale Austausch ist ein wesentlicher Faktor. Kunst und Kultur sind genauso auch Machtfaktoren, denn sie können gesellschaftliche Diskurse prägen und Änderungen herbeiführen.

Nachdem die Situation jetzt nicht gerade gut zu sein scheint: Wie würdest du die finanzielle Situation für die Kunst- und Kulturszene in Oberösterreich, aber auch für die freie Szene in Linz (und auch in Wels und Steyr) vor Beginn der COVID-19-Ausgangsbeschränkungen einschätzen?

Die finanzielle Lage war schon vor Corona prekär. Die Förderungen haben sich auf fast allen Ebenen seit etwa dem Beginn der 2000er unterhalb der Inflationsrate entwickelt oder sind gar gekürzt worden. Alleine beim Land OÖ müsste mittlerweile die Höhe der Kunst- und Kulturförderung verdoppelt werden, nur um das Minus der letzten 20 Jahre auszugleichen.

Und wen treffen die Einnahmen-Ausfälle durch das Corona-Virus am härtesten? Wer unterstützt diese Personen jetzt? Wie halten sich jene über Wasser, die keine Unterstützung bekommen?

Wie immer sind die Schwächsten jene, die in einer Krise am stärksten getroffen werden. Das betrifft mal allgemein besonders die freie Szene, die im Vergleich zu den öffentlichen Einrichtungen deutlich weniger finanzielle Ressourcen hat. Besonders betroffen sind die geringfügig Beschäftigten, von denen es gerade im Kulturbereich viele gibt, die aber von der Kurzarbeit ausgeschlossen sind. Und selbst dort, wo Kurzarbeit möglich ist, ist ein Einkommensverlust von 10% des Nettogehalts für viele schon tragisch, weil die Löhne ja schon zuvor extrem niedrig waren. Schwierig ist die Lage natürlich für die freischaffenden KünstlerInnen, die zumindest jetzt Aussicht auf den neuen Bundesfonds haben. Weiters darf man auch nicht vergessen, dass vom Kulturbereich ja eine Vielzahl an weiteren Jobs abhängen: Ton- und LichttechnikerInnen, Stage Hands, GastromitarbeiterInnen, Security Dienste, Caterer etc., die nun alle genau so keine Einnahmen mehr haben.

Viele sogenannte “Freischaffende” müssen aktuell auf beinahe ihr gesamtes Einkommen verzichten – was können sie sich von der österreichischen Bundesregierung erwarten zwischen milliardenschweren Hilfsfonds für die Privatwirtschaft und zynisch anmutenden “HeldInnen-Titeln” für Arbeitskräfte im Einzelhandel und Sozialbereich? Reicht das vom Landtag beschlossene Paket für Künstler*innen aus?

Wie oben erwähnt soll ein neuer Topf all jenen KünstlerInnen ab Juli unbürokratisch helfen, die in der SVS versichert sind, das sind etwa 15.000 Personen. Diese sollen 6×1.000 € bekommen. Wie leider so oft aktuell gibt es noch keine Details zu den Richtlinien, von denen dann ja noch immer viel abhängt.

Die oberösterreichische KünstlerInnen-Sicherung ist in der aktuellen Form leider noch wenig hilfreich, weil sie durch die engen Kriterien kaum in Anspruch genommen werden kann. Daher gab es wohl auch erst 25 Beantragungen. Wir sind hier aber mit dem Land OÖ in Kontakt, um das Modell zu reparieren und haben dazu eine umfangreiche Stellungnahme eingebracht.

Was bedeuten die Einnahmen-Ausfälle für Kulturvereine wie die Stadtwerkstatt, KAPU, Schloth, den KV Willy und andere, die zu Institutionen der Linzer freien Szene geworden sind? Wie steht es dabei um den Offspace? (Anm. das sind unabhängige, unkommerzielle Ausstellungsräume)

Die Situation ist sehr unterschiedlich, da die Finanzierungsstrukturen sich teils stark unterscheiden. Es ist ein großer Unterschied, ob die Eigeneinnahmen beim Budget 80% oder nur 20% ausmachen. Je höher der Anteil der Fixkosten auf der einen und je höher die Eigeneinnahmen auf der anderen Seite sind, desto schwieriger ist es für den einzelnen Verein, die Schließungszeit zu überstehen. Nach den nun angekündigten Lockerungen ist nun manches wieder möglich, aber einige Sparten haben noch immer keine Aussicht auf eine Wiederaufnahme: Ein Punkkonzert im Sitzen ist genauso wie ein Rave wohl eher unattraktiv. Auch die großen zeitgenössischen Musikfestivals werden heuer wohl kaum stattfinden können.

Und selbst dort, wo man wieder aufsperren kann, ändern sich die ökonomischen Bedingungen. Wenn ich nur noch halb so viele BesucherInnen in den Saal lassen kann, muss ich entweder die Kartenpreise verdoppeln, was wiederum viele Menschen ausschließt, oder der Staat muss eingreifen und unterstützen. Wir fordern daher eine sofortige Erhöhung der Basisförderungen (Anm. auf Bundesebene) um 50%.

Die Galerien und Offspaces können abgesehen von den Vernissagen wieder halbwegs normal arbeiten, aber auch hier wird sich zeigen, wie schnell sich das BesucherInneninteresse wieder erholt. Denn gerade die Risikogruppen werden wohl bis zur Entwicklung eines Impfstoffes Veranstaltungsbesuche weiterhin meiden.

Einige Kulturvereine können am Weg in eine Existenzkrise aktuell Zeit gewinnen, indem sie Kurzarbeit beim AMS beantragen. Dabei fällt mehr und mehr Mitarbeiter*innen in diesem Bereich auf, dass es eine gewerkschaftliche Interessenvertretung, die diesen Namen auch verdient, so gut wie nicht gibt. Wie siehst du diese Situation und was braucht es, dass sich das in mittelfristiger Zukunft ändert? Welchen Zweck würde eine funktionierende Interessenvertretung für Beschäftigte im Kunst- und Kulturbereich dabei erfüllen?

Das ist eine gute Frage. Das Problem ist, dass der Kulturbereich wahnsinnig kleinteilig ist, die Verhältnisse „DienstgeberIn – DienstnehmerIn“ oft Überschneidungen aufweisen und überhaupt viele Vereine nur 1 Angestelle haben, wenn überhaupt. Noch dazu sind die Problemlagen in den Sparten extrem unterschiedlich: Die Probleme in der darstellenden Kunst sind gänzlich andere als jene im bildenden Bereich, etc. Und wir haben noch ein anderes Problem: Selbst wenn eine Interessenvertretung für Beschäftigte für höhere Löhne eintreten würde, mangelt es ja oft nicht am Willen der Dienstgeber, sondern am Willen der Fördergeber, das nötige Geld auf den Tisch zu legen. Ein Kollektivvertrag ohne die politische Zusicherung der notwendigen Gelder würde viele Kulturbetriebe zum Zusperren zwingen. Der Ball liegt also bei der Politik.

Wenn gleich die freie Szene nie mit Förderungen überschüttet wurde – unter dem letzten Landeshauptmann Oberösterreichs, Josef Pühringer (ÖVP) galt Kunst und Kultur als Fixpunkt und als gesellschaftliche Notwendigkeit in unserem Alltag, auch was die Landespolitik und die bis 2015 beschlossenen Kulturförderungen dazu betrifft. Seit der neuen Landesregierung unter Stelzer (ÖVP) und Haimbuchner (FPÖ) ist dies völlig anders – zumindest, was die freie Szene betrifft. Was ist hier genau passiert, sodass vor allem im Kulturbereich so rigoros gekürzt wurde und welche Handlungsmöglichkeiten gibt es aus Sicht der KUPF für die freie Szene in Oberösterreich – vor allem jetzt mit den absehbaren Einbußen durch COVID-19?

Die Kürzungen im Jahr 2017 wurden nicht kulturpolitisch, sondern finanzpolitisch begründet. Man wollte sparen, um das Budget auszugleichen. Wir haben damals eine große Kampagne „Rettet das Kulturland OÖ“ gestartet und 17.000 Unterschriften gesammelt, konnten aber leider die Kürzungen nicht verhindern.

In der aktuellen Lage sehen wir allerdings positive Zeichen eines Bemühens, dass das Land die Probleme ernst nimmt. Wir sind aktuell in Verhandlungen mit dem Land über weitere Maßnahmen und drängen vor allem darauf, die Basisförderungen so rasch wie möglich deutlich anzuheben.

Brandaktuell: Die Förderungen der mehr als nur umstrittenen KTM-Motohall gehen laut Bescheid des Landesrechnungshofes in Ordnung – wenn auch mit fahlem Beigeschmack. Dabei werden kritische Stimmen laut, die hier lediglich ein persönliches Bereichern von KTM-Eigentümer Pierer auf Kosten von Kulturförderung erkennen – und das auf ziemlich dreiste Art und Weise. Als KUPF OÖ wart ihr federführend an der Kritik beteiligt. Was sind jetzt die neuesten Erkenntnisse und wie wollt ihr weiter vorgehen?

Der Landesrechnungshof hat zwar die formale Vergabe der Mittel heftig kritisiert, aber gleichzeitig festgehalten, dass eine Förderung der Motohall grundsätzlich zulässig war. Wir teilen diese Position weiterhin nicht und glauben, dass das Land OÖ und die Gemeinde Mattighofen die gewährten Kulturförderungen rückfordern sollten. Zumindest hat das Land OÖ angekündigt, die dritte Rate in der Höhe von 600.000 € nicht mehr auszuzahlen.

Wir warten weiters immer noch auf eine Rückmeldung der EU zu unserem Rechtsgutachten, mal sehen, ob diese noch eine formale Prüfung einleitet.

Wie siehst du den kommenden Jahren 2021 und 2022 entgegen. Wie lange werden vor allem kleine Kulturinitiativen und Künstler*innen überleben können? Was wird sich für Kulturarbeit in Oberösterreich ändern und welche Rolle spielt die Politik dabei?

Das ist aktuell schwierig zu sagen, die Situation ändert sich wöchentlich. Es hängt gerade stark an der Politik: Wenn die Hilfsmaßnahmen richtig aufgesetzt werden, dann werden wir die Krise irgendwie übertauchen können. Klar ist aber, dass so lange kein Impfstoff da ist, eine Rückkehr zur alten Praxis kaum vorstellbar ist. 

Was kann man einerseits als Einzelperson tun, um Kultur zu fördern gerade und andererseits wie kann man sich öffentlich / politisch gerade engagieren, um Druck zu machen? Welchen Weg habt ihr da als KUPF gewählt?

Support your local Kulturverein! Vereine leben stark vom Engagement einzelner, und selbst wer keine Zeit hat sich persönlich zu engagieren, kann mit einem kleinen Mitgliedsbeitrag seiner Lieblingsinitiative helfen.

Wir als KUPF machen klassisches Lobbying: Verhandlungen hinter verschlossenen Türen solange es Sinn macht, öffentlicher Druck wenn es nicht anders geht.

Abschlussfrage: Wir haben ziemlich viel über Existenzsicherung und ökonomische Notwendigkeiten gesprochen. Was wäre deine Vision für die Kulturszene in Oberösterreich? Was müsste sich politisch tun? Und was braucht es abseits von Geld noch, damit Kunstschaffende sich ausleben und die Gesellschaft mit ihrem Schaffen bereichern können?

Wir müssen insgesamt wegkommen vom Bild der Kulturschaffenden, die ein Almosen kriegen, damit sie sich selbst verwirklichen können. Im Prinzip sind wir so wie andere Dienstleister, weil wir eine staatliche Aufgabe übernehmen, nämlich die Versorgung mit Kunst und Kultur. Wir sollten also eigentlich einen Dienstleistungsauftrag bekommen und keine generöse „Subvention“. Die Sozialorganisationen machen ja auch nichts anderes als das, aber da diskutiert man (zum Glück) viel weniger über die Frage der Notwendigkeit.

Und mehr mediale Aufmerksamkeit besonders für kleine Initiativen und junge KünstlerInnen wäre gut. Da sollte auch der Landes ORF mal etwas mehr in seinen Kulturauftrag investieren.

Share on facebook
Share on twitter
Share on whatsapp