Braunschlag: Außerirdische in der Provinz

Miniserie, 8 Folgen à 40 Minuten – Verfügbar auf Netflix, iTunes oder Amazon Prime

“Braunschlag” ist jedes beliebige Dorf in Österreich. In der Miniserie aus 2012 ist es eine fiktive Marktgemeinde im niederösterreichischen Waldviertel, nahe der tschechischen Grenze. Eigentlich ist das Leben in Braunschlag, so wird es in der Serie selbst bei Gelegenheit bezeichnet, wie das Leben auf einer abgelegenen Insel. Letztendlich sind die Kontakte zur Außenwelt jedoch die einzige Hoffnung für Bürgermeister Gerry Tschach (gespielt von Robert Palfrader), die Gemeinde aus dem persönlich verschuldeten finanziellen Ruin zu retten.

Sowohl die ÖVP (in Braunschlag nur „St. Pölten“ genannt), die die Veruntreuung des Bürgermeisters mit der Weltwirtschaftskrise deckt, als auch der Vatikan und die russische Mafia haben ihre Hände in Braunschlag im Spiel. Dass Bürgermeister Tschach dabei für Braunschlag auf spekulative Geschäfte zurückgreift fügt sich ohne Probleme in die lange Reihe an Finanz- und Veruntreuungsskandalen österreichischer Gemeinden der letzten Jahre ein.

Das Wunder von Braunschlag

Doch Tschach hat die vermeintliche Lösung aus dem Dilemma gefunden: Während der Bürgermeister in Bezug auf Religion lediglich „glaubt, dass nix is“, möchte er sich bzw. seiner Gemeinde den katholischen Glauben doch zugutekommen lassen. Man setzt auf die göttliche Außenwelt: Gemeinsam mit Freund und lokalem Diskotheken-Besitzer Richard Pfeisinger (gespielt von Nicholas Ofczarek) inszeniert der Bürgermeister eine Marienerscheinung, um aus Braunschlag eine Pilgerstätte zu machen. Glücklicherweise erkennt der Zeuge Reinhard Matussek (Raimund Wallisch), der einen UFO-Landeplatz bewirtet, auch die heilige Jungfrau Maria als Außerirdische an.

Während der Plan zunächst aufgeht und PilgerInnen das Dorf einrennen, bleibt das Wunder vom Vatikan unbestätigt. In weiterer Folge – so beginnt selbst der Atheist Gerry Tschach zu glauben – bleibt die Täuschung nicht unbestraft, und der tief verankerte Katholizismus des Ortes, den er längst hinter sich gelassen glaubte, zieht auch an ihm nicht mehr vorüber.

Groteske Szenen sowie Dialoge voller schwarzem Humor prägen die Serie von Regisseur David Schalko. Konflikte rund um Glauben oder Aberglauben, sowie parteiliche Intrigen und Familiendramen werden ins Absurde getrieben.

Kein linkes Lehrstück?

An der Religion – für die einen Heilsversprechen, für die anderen vor allem die Aussicht auf Profite – zeigt sich auch, dass sich lang hergebrachte Strukturen und Bindungen auch am Land Stück für Stück auflösen. Mit dem Wegfallen dieser traditionellen Autorität, die sich in Braunschlag wie ein Riss durch den Ort zieht, tut sich eine Lücke auf, die gefüllt werden will. Damit kommen auch Unsicherheiten und der Ruf nach alten oder Ersatz-Autoritäten. Während die ältere Generation im Ort sich darum reißt mit dem Dorfpfarrer zu Mittag zu essen, suchen andere die Erlösung in UFOs oder Meerschweinchen mit heilenden Kräften.

Soziale Bindungen wie religiöse Strukturen aber auch das Vereinsleben – trotz mangelnden Angebots – prägen das Leben vieler am Land. Das hat zur Folge, dass ein großer Teil der eigenen Freizeit – vom Stammtisch bis zur Freiwilligen Feuerwehr – durchorganisiert ist. Für uns Linke bleibt da die Frage, wie wir es schaffen können, uns in bestehenden sozialen Beziehungen zu verankern oder eigene aufzubauen, um dort erfolgreich zu sein und Vertrauen aufzubauen, wo das besonders schwer ist? Und wie schaffen wir es in diese Strukturen ohne wie die Außerirdischen, auf die Reinhard Matussek wartet, dort hineinzuplatzen? 

Braunschlag gibt darauf zwar keine Antworten, lässt die Dynamik aber allzu genau erahnen und macht einfach extrem viel Spaß.