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276 - Wer darf Staat sein?

05.12.2025

Anerkennung von Staaten

Die Frage nach neuen Staaten taucht immer wieder auf, sei es im Zusammenhang mit Palästina, Kurdistan, Katalonien oder Schottland. Diese Debatten sind jedoch nicht isoliert zu betrachten, sondern stehen im Zusammenhang mit der grundlegenden Organisation des Kapitalismus, der historisch und strukturell an den Nationalstaat gebunden ist. Staaten fungieren dabei als politische Rahmen, innerhalb derer kapitalistische Produktions- und Eigentumsverhältnisse abgesichert werden. Die Vorstellung, dass mit der Gründung neuer Staaten automatisch gesellschaftlicher Fortschritt verbunden wäre, greift daher zu kurz. Aus einer marxistischen Perspektive ist das langfristige Ziel nicht die Vermehrung von Staaten, sondern deren Überwindung. Dennoch kann staatliche Unabhängigkeit in bestimmten historischen Situationen eine taktische Zwischenstation darstellen, insbesondere dort, wo massive Unterdrückung herrscht.

Was macht einen Staat aus?

In der völkerrechtlichen Debatte existieren unterschiedliche Auffassungen darüber, was einen Staat zu einem Staat macht. Konstitutive Ansätze gehen davon aus, dass Staatlichkeit erst durch die Anerkennung anderer Staaten entsteht. Demgegenüber stehen deklarative Ansätze, nach denen ein Staat faktisch bereits existiert und Anerkennung lediglich eine formelle Feststellung dieses Zustands ist. In der internationalen Praxis hat sich weitgehend die deklarative Sichtweise durchgesetzt. Demnach gelten drei zentrale Kriterien als ausschlaggebend: ein klar abgegrenztes Staatsgebiet, ein Staatsvolk und ein durchgesetztes Gewaltmonopol. Häufig wird ein viertes Kriterium ergänzt, nämlich die Fähigkeit, diplomatische Beziehungen mit anderen Staaten aufzunehmen, wie es in der Montevideo-Konvention von 1933 festgehalten ist

Anerkennung als politische Machtfrage

In der Realität zeigt sich jedoch, dass die Anerkennung von Staaten kaum je ausschließlich entlang dieser formalen Kriterien erfolgt. Vielmehr ist sie eng mit geopolitischen Interessen und imperialistischen Machtkonstellationen verknüpft. Der Kosovo erfüllt weitgehend die völkerrechtlichen Anforderungen an Staatlichkeit, wird aber dennoch nicht von allen Staaten anerkannt. Grund dafür sind strategische Interessen großer Mächte: Während die USA und viele EU-Staaten die Unabhängigkeit unterstützen, lehnen Russland und China diese ab, nicht zuletzt aus Rücksicht auf eigene separatistische Bewegungen, aber auch für sie Serbien ein Stück weit ein Verbündeter ist. Auch innerhalb der EU verweigern Länder wie Spanien die Anerkennung, um keine Präzedenzfälle für eigene Autonomiebewegungen zu schaffen. Anerkennung erweist sich damit weniger als juristische Frage, sondern als Instrument internationaler Politik.

Palästina und das Paradox der Anerkennung

Ein umgekehrter Fall zeigt sich bei Palästina. Hier erkennen zahlreiche Staaten einen palästinensischen Staat an, obwohl zentrale Kriterien der Staatlichkeit – insbesondere ein einheitliches Gewaltmonopol – faktisch nicht erfüllt sind. Die politische Autorität ist zwischen verschiedenen Akteuren gespalten und zudem massiv durch die israelische Besatzung eingeschränkt. Trotzdem erfolgt Anerkennung, um politischen Druck auf Israel auszuüben und eine zukünftige Staatlichkeit zu ermöglichen. Gleichzeitig wird durch den fortschreitenden Siedlungsbau das Territorium eines möglichen palästinensischen Staates systematisch untergraben. Die Anerkennung Palästinas ist damit weniger die Bestätigung eines bestehenden Staates als vielmehr der Versuch, einen solchen völkerrechtlich vorwegzunehmen

Erwartungen an staatliche Unabhängigkeit

Der Wunsch nach staatlicher Autonomie speist sich aus unterschiedlichen Motiven. Häufig spielen kulturelle, sprachliche oder religiöse Diskriminierungserfahrungen eine zentrale Rolle. In solchen Fällen kann ein eigener Staat tatsächlich Verbesserungen im Bereich kultureller Selbstbestimmung oder Religionsfreiheit bringen. Ökonomisch sind die Erwartungen jedoch oft trügerisch. Kapitalismus ist ein globales System, und politische Unabhängigkeit hebt wirtschaftliche Abhängigkeiten nicht automatisch auf. Kleinere neue Staaten bleiben meist weiterhin von wirtschaftlich stärkeren Mächten abhängig, lediglich die Form der Abhängigkeit verändert sich. Forderungen nach nationaler Autonomie können daher eine Scheinlösung für Erfahrungen von Ausbeutung und sozialer Ungleichheit darstellen.

Historische Beispiele wie Polen zeigen, dass nationale Unabhängigkeit sogar mit ökonomischer Regression einhergehen kann. Auch aktuell lassen sich Autonomiebewegungen beobachten, die soziale Konflikte national umdeuten. Nach der Wirtschaftskrise 2008 wurden etwa in Katalonien Proteste gegen Austeritätspolitik zunehmend in einen regionalen Nationalismus überführt, obwohl auch die regionale Elite an den neoliberalen Maßnahmen beteiligt war

Linke Strategien und nationale Bewegungen

Innerhalb linker Theorie wird häufig auf das Selbstbestimmungsrecht der Nationen verwiesen, insbesondere auf Lenin. Dessen Position war jedoch stark kontextgebunden und als taktischer Vorschlag in einer spezifischen historischen Situation gedacht. Spätere Interpretationen haben diese Überlegungen verabsolutiert und zur Legitimation geopolitischer Interessen instrumentalisiert. Nationalismus – auch der der Unterdrückten – birgt die Gefahr, Klassenkonflikte zu verdecken und Solidarität entlang nationaler Linien zu spalten.

Eine pauschale Unterstützung aller Unabhängigkeitsbewegungen lässt sich daher nicht begründen. Jede Situation erfordert eine konkrete Analyse ihrer politischen, sozialen und ökonomischen Bedingungen. In extremen Fällen, massiver Unterdrückung, wie etwa in Palästina, kann staatliche Autonomie dennoch als notwendiger Schutz vor weiterer Zerstörung erscheinen. Insgesamt überwiegt jedoch die Einschätzung, dass der Kampf um gleiche Rechte und soziale Gerechtigkeit innerhalb bestehender Staaten langfristig progressiver ist als die Schaffung neuer nationaler Grenzen. Angesichts der Schwäche internationaler linker Bewegungen erscheint es sinnvoller, Ressourcen in den Aufbau von Klassensolidarität zu investieren, statt nationalistische Projekte voranzutreiben.

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