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270 - Grüner Pfandbetrug?

25.10.2025

Das Pfandsystem als Spiegel neoliberaler Umweltpolitik

Seit Anfang 2025 gilt in Österreich das neue Pfandsystem für Plastikflaschen und Getränkedosen. Offiziell soll es helfen, die Umwelt zu schützen, die Recyclingquote zu erhöhen und den Weg in eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft zu ebnen. Doch bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass das System weit mehr über unsere Gesellschaft verrät, als über Mülltrennung: Es offenbart eine Politik, die ökologische Verantwortung zunehmend individualisiert, während Konzerne und der Staat selbst aus der Verantwortung entlassen werden.

Vom Umweltprojekt zur Geldmaschine

Das österreichische Pfandsystem wird von der gemeinnützigen GmbH „Recycling Pfand Österreich“ betrieben. Hinter ihr steht der Trägerverein „Einwegpfand“, in dem große Supermarktketten, Getränkehersteller und Verbände vertreten sind – also genau jene Akteure, die am meisten vom Verkauf von Einwegverpackungen profitieren. Die Aufsicht liegt formal beim Klimaschutzministerium, faktisch agiert die EWP jedoch autonom, der Rechnungshof hat keinen Einblick. Schon diese Struktur zeigt, wie stark die Kontrolle über eine ökologische Maßnahme in private Hände übergeben wurde.

Der sogenannte „Pfandschlupf“ – also das Geld aus nicht zurückgebrachten Flaschen – soll 2025 rund 110 Millionen Euro betragen. Davon fließen etwa 70 Millionen als „Handling Fee“ an den Handel, um den vermeintlichen Mehraufwand der Rücknahme zu kompensieren. Die verbleibenden 40 Millionen bleiben bei der EWP, deren konkrete Verwendung unklar ist. Während also Konzerne Millionen verdienen, tragen Konsument*innen die Kosten des Systems – und das unter dem Deckmantel des Umweltschutzes.

Verantwortung als Strafe

Das Pfandsystem zeigt ein Grundmuster neoliberaler Umweltpolitik: Verantwortung wird privatisiert. Wer ein Getränk kauft, zahlt automatisch mit – nicht, weil er oder sie etwas falsch gemacht hätte, sondern weil gesellschaftliche Verantwortung über den Geldbeutel geregelt wird. Wer die Flasche nicht zurückbringt, wird „bestraft“, wer sie brav abgibt, erhält lediglich sein zuvor einbehaltenes Geld zurück. Die individuelle Pflichterfüllung ersetzt damit kollektive Verantwortung.

Diese Logik findet sich auch in anderen Bereichen: von der CO₂-Steuer bis zu Kompensationszahlungen für Flugreisen. Umweltbewusstsein wird nicht über gemeinschaftliche Werte oder staatliche Infrastruktur gefördert, sondern über finanzielle Anreize und Sanktionen. Das Ergebnis ist eine Gesellschaft, in der ökologische Maßnahmen als Strafe empfunden werden – und der eigentliche politische Anspruch, strukturelle Verantwortung einzufordern, verloren geht.

Zwischen Sammelquote und Scheinlösung

Offiziell orientiert sich das Pfandsystem an EU-Vorgaben: Bis 2029 sollen 90 Prozent aller Einwegflaschen gesammelt werden. Doch entscheidend ist nicht die Sammelquote, sondern die tatsächliche Recyclingquote – also, wie viel Material wirklich wiederverwertet wird. Diese liegt in Österreich noch weit unter dem Zielwert von 50 Prozent. Dass Flaschen gesammelt werden, heißt also nicht automatisch, dass sie umweltfreundlich recycelt werden.

Zudem verschiebt das Pfandsystem bestehende Müllströme: Weil PET-Flaschen nun separat entsorgt werden, verringert sich die Menge im gelben Sack, was vor allem am Land zu selteneren Abholungen und höheren Entsorgungskosten führt. Die Tarife für Kunststoffverpackungen sind bereits um 15 Prozent, für Aluminium sogar um 50 Prozent gestiegen. Anstatt die Müllinfrastruktur auszubauen, wird sie also verteuert – zulasten der Haushalte.

Der soziale Preis des Pfands

Ein Aspekt, der in der öffentlichen Debatte oft übersehen wird, ist der soziale Preis des Systems. Pfand funktioniert nur deshalb so effektiv, weil es auch Menschen gibt, die auf das Sammeln von Flaschen angewiesen sind. In Ländern wie Kroatien oder Deutschland trägt die Armut vieler Menschen wesentlich zu den hohen Rücklaufquoten bei. Das österreichische System rechnet solche Effekte faktisch mit ein – und schafft damit einen neuen, unbezahlten Billigstlohnsektor.

Statt Arbeitsplätze in der Abfallwirtschaft zu schaffen, werden gesellschaftlich Benachteiligte zu unbezahlten Sortierkräften. Pfandringe oder spezielle Sammelcontainer mögen das Sammeln „würdiger“ erscheinen lassen, ändern aber nichts daran, dass Armut so lediglich sichtbarer wird, nicht aber bekämpft. Die moralische Befriedigung, man habe ein sozial-ökologisches System geschaffen, ist in Wahrheit Ausdruck eines tiefen gesellschaftlichen Zynismus.

Eine Frage von Demokratie und Kontrolle

Die zentrale Kritik am Pfandsystem ist nicht technischer, sondern politischer Natur. Es steht exemplarisch für eine Politik, die sich auf Marktmechanismen verlässt, statt demokratische Gestaltung einzufordern. Weder der Staat noch die Unternehmen übernehmen Verantwortung dafür, wie produziert wird, welche Materialien erlaubt sind oder wie viel Müll überhaupt entsteht. Stattdessen wird die Verantwortung auf Konsument*innen abgewälzt – und damit individualisiert, was eigentlich kollektiv entschieden werden müsste.

Das Pfandsystem behandelt die Symptome, nicht die Ursachen: Es lenkt von der eigentlichen Frage ab, warum überhaupt so viele Einwegverpackungen produziert werden. Die Vorstellung, gesellschaftliche Veränderung könne nur über Strafen und Preissignale erreicht werden, ist ein Symptom der politischen Fantasielosigkeit unserer Zeit. Eine wirkliche Alternative wäre ein öffentliches, transparentes und nicht profitorientiertes Recyclingsystem, ergänzt durch verbindliche Auflagen für Unternehmen und eine aktive Umweltbildung, wie sie etwa die Schweiz vormacht.

Fazit: Ein grünes Etikett für ein altes System

Das neue Pfandsystem verkauft sich als Fortschritt, ist aber letztlich ein ökologisch unsoziales Modell. Es verschiebt Verantwortung von Produzenten auf Verbraucher*innen, stärkt privatwirtschaftliche Kontrolle über öffentliche Aufgaben und macht Armut zum stillen Motor der Recyclingquote. Damit steht es exemplarisch für eine Politik, die auf Marktlogik statt auf gesellschaftliche Gestaltung vertraut.

Solange Umweltpolitik als moralisches Preissystem organisiert bleibt, wird sie keine tiefgreifende Veränderung bringen. Was es braucht, ist nicht mehr Strafe, sondern mehr Demokratie: eine gemeinsame Entscheidung darüber, was wir produzieren, wie wir leben und wie wir mit den Ressourcen unserer Welt umgehen wollen. Erst wenn ökologische Verantwortung wieder als kollektive Aufgabe verstanden wird, kann Nachhaltigkeit mehr sein als ein Geschäftsmodell.

 

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