Die aktuellen Entwicklungen in der globalen Wirtschafts- und Handelspolitik wirken drastisch, aber sie sind keineswegs überraschend. Im Juli akzeptiert die EU unter massivem Druck aus Washington einen 15-prozentigen Zoll auf Exporte in die USA. Weltweit buhlen Staaten um wirtschaftliche Vereinbarungen mit den USA. "America First" ist zurück, und es steht für eine gezielte Neuordnung der internationalen Wirtschaftsbeziehungen.
Im Zentrum dieser Strategie steht der Versuch der USA, ihre globale Vormachtstellung wirtschaftlich abzusichern. Präsident Trump setzt dabei auf Protektionismus, Handelskonflikte und wirtschaftlichen Druck, nicht als Bruch mit, sondern als Fortsetzung einer Entwicklung, die bereits seit Jahrzehnten im Gange ist. Dabei spielt der US-Dollar eine zentrale Rolle.
Diese Rolle beruht auf einem historischen Prozess, in dem zunächst das britische Pfund Sterling und später der Dollar zum Anker der kapitalistischen Weltwirtschaft wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg bauten die USA ihre Vormachtstellung auf Exportüberschüssen und dem Versprechen auf, den Dollar in Gold umzutauschen. Doch mit der Krise der Profitraten in den 1970ern und wachsender Konkurrenz aus Europa und Asien (insbesondere Deutschland und Japan) kippte dieses Modell: Die USA gerieten in ein doppeltes Defizit – in der Handelsbilanz und im Staatshaushalt.
Statt ihre Macht zu verlieren, wandelten die USA das System grundlegend um. Der Goldstandard wurde aufgegeben, und es gelang ihnen, die Handelsüberschüsse anderer Länder wieder in die eigene Finanzwirtschaft zurückzulenken, etwa durch extrem hohe Zinssätze, die ausländisches Kapital in die USA zogen. Die Rolle des Dollars wurde damit nicht geschwächt, sondern neu gefestigt: Die USA wurden zur zentralen „Parkgarage“ für überschüssiges Kapital weltweit. Erdöl, Finanzmärkte, Staatsanleihen, alles lief weiterhin über den Dollar.
Von diesem System profitieren vor allem die dominanten Kapitalfraktionen in den USA und Europa. Es ermöglicht den USA, dauerhaft mehr zu importieren als zu exportieren und sich gleichzeitig im Ausland zu verschulden. Diese finanzialisierte Form der Hegemonie ist jedoch krisenanfällig: Die Finanzkrise 2008 war ein deutliches Warnsignal. Seitdem suchen die USA nach neuen Wegen, ihre Macht zu stabilisieren, etwa über außenpolitische Maßnahmen wie die Sanktionen gegen Russland (z. B. Ausschluss aus dem SWIFT-System) oder durch Handelskonflikte mit China.
Diese Politik ist letztlich Ausdruck einer strukturellen Schwäche. Trumps Zölle und protektionistischen Maßnahmen zielen auf den Abbau der Defizite – aber sie zeigen auch, dass der alte Stabilitätsmechanismus brüchig wird. Länder wie China versuchen, alternative Zahlungswege zu etablieren, halten aber gleichzeitig große Mengen an US-Dollar, ein Zeichen dafür, wie schwer es ist, die bestehende Ordnung zu ersetzen. Auch der Euro oder der chinesische Yuan sind bislang nicht in der Lage, das notwendige Vertrauen und die globale Akzeptanz aufzubauen, die der Dollar trotz aller Krisen immer noch genießt.
Was bedeutet all das für uns? Klar ist: Im geopolitischen Ringen zwischen Großmächten haben Menschen aus der arbeitenden Klasse wenig zu gewinnen. Der aktuelle Kurs – Aufrüstung, Abschottung, wirtschaftlicher Nationalismus – verschärft globale Ungleichheiten und Konflikte. Die Aufgabe einer fortschrittlichen politischen Praxis besteht deshalb nicht darin, sich einem Lager anzuschließen, sondern Alternativen zu entwickeln: friedenspolitisch, sozialpolitisch und wirtschaftspolitisch. Auch wenn die Weltpolitik oft übermächtig erscheint – Resignation ist keine Option. Es braucht politische Bewegungen, die der imperialen Logik eine solidarische und gerechte Perspektive entgegensetzen.
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